Ökumenische Bibelwoche 2019

Vom 11. bis 15. März fand unsere traditionelle ökumenische Bibelwoche statt – nach 2016 wieder einmal in der Versöhnungskirche. Sie stand unter dem Motto „Mit Paulus glauben“ und beschäftigte sich mit Texten aus dem Philipperbrief.

Am ersten Abend führte uns Pfarrer i.R. Peter Hannappel in den Brief ein. Die folgenden Abende wurden von Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig, Pfarrerin Laura Baumgart und Pfarrer Uche Ugwueze zu einzelnen Briefabschnitten gestaltet. Am letzten Abend der Woche feierten wir einen Wortgottesdienst, bevor wir bei fröhlichem Beisammensein mitgebrachte Speisen miteinander teilten.

Fotos von Albrecht Herzog finden Sie demnächst in unserer Fotogalerie.

 

Rückblick auf die Bibelwoche 2019

in der Versöhnungskirche am Aschenberg

vom 11. bis 15. März

 „Mit Paulus glauben“

 

Am ersten Abend hat Pfr. Peter Hannappel Lage und Geschichte der Kolonie Philippi im Nordosten Griechenlands vorgestellt.

In Apg 16 wird die erste Begegnung des Apostels Paulus auf seiner zweiten Missionsreise um 49 mit Philippi und damit mit Europa ausführlich geschildert.

Paulus tauft die Purpurhändlerin Lydia und wird von ihr gastlich aufgenommen.

Paulus wehrt sich gegen den Wahrsagegeist einer Magd, dessen Herr mit ihr Geld verdient. Weil er damit die Basis des Verdienstes stört, wird er ohne Gerichtsurteil wegen Volksverhetzung ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. Das ist möglich, weil eine latent antijüdische Stimmung ohnehin vorherrscht.

Ein Erdbeben sprengt wunderbarerweise die Türen des Gefängnisses. Paulus beruhigt den Gefängnisaufseher, kein Gefangener sei entflo-hen. Der Gefängnisaufseher sieht sein Leben gerettet. Aus Dankbar-keit lässt er sich taufen und bewirtet Paulus und seinen Gefährten Silas. Am nächsten Tag wird Paulus von den Prätoren aus der Stadt komplimentiert.

Vermutlich im Jahr 55 schreibt Paulus aus der Gefangenschaft in Ephesus, wo er auf Leben und Tod angeklagt ist, einen Brief.

Das erste Kapitel wurde gelesen. Der Brief entspricht ganz der helle-nistischen Briefkultur. Er wurde als Freundschaftsbrief charakterisiert, also ein Brief, der Auskunft über die eigene Befindlichkeit gibt und dem Zusammenhalt zwischen Absender und Empfänger dient.  Paulus bezeichnet sich und Timotheus als „Knechte“; das erinnert an den Gottesknecht bei Jesaja Demut war im Judentum und erst recht bei den Christen positiv konnotiert – ganz im Gegensatz zu Römern und Griechen, für die das eine niedere Sklavengesinnung bedeutete.

Zwei Begriffe ragen heraus: koinonia Gemeinschaft. Sehnsucht oder das deutliche Empfinden jeglichen Fehlens von Nähe ist das eine. Vergleichend wurden  Briefe von Dietrich Bonhoeffer und dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel zitiert.

Das zweite Stichwort ist „Leben im Angesicht des Todes“.

Zum Abschluss folgte eine Bildbetrachtung von Rembrandt, „Paulus im Gefängnis“. 

 

Am Dienstag stellte Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig Auszüge aus dem zweiten Kapitel unter der Überschrift „Mit Furcht und Zittern“ vor.

Paulus denkt in polaren Gegensätzen, und unser Leben ist ja auch tat-sächlich von Spannungen geprägt. Auf der einen Seite sollen wir „in Furcht und Zittern“ (Phil 2,12) unser Heil wirken. Auf der anderen Seite sind wir erlöst, haben wir die Zusage und Gewissheit im Glau-ben, dass Gott das „Wollen und Vollbringen bewirkt“ (Phil 2,13).

Auf der einen Seite mahnt Paulus, nicht zu murren, wie es vom Volk Israel im AT oft als Sünde gegen Gott überliefert ist, also besteht die Gefahr tatsächlich; auf der anderen Seite sollen die Philipper „fehler-los und unbescholten“ (Phil 2,15) sein.

Paulus gebraucht das schöne Bild, die Philipper – und damit wir – werden „hervorstrahlen wie die Sterne am Himmel“ (Phil 2,15), und Pfarrerin Oehm-Ludwig brachte uns das menschlich sehr nahe, indem sie das Bild erläuterte, vielleicht sind wir nur eine Kerze, aber auf jeden Fall „Licht“.

Voll Spannung ist Pauli Wunsch, „bei Christus zu sein“, also zu sterben einerseits, andererseits bei den Philippern zu sein, um sie im Glauben zu stärken. „Sogar wenn ich mein Blut vergießen müsste, würde ich mich freuen.“ (Phil 2,17)

Bemerkenswert ohnehin, dass in einem Brief aus der Gefangenschaft so nachdrücklich von der Freude die Rede ist wie in keiner anderen Schrift der Bibel.

Pfarrerin Öhm-Ludwig lud ein, den eigenen Spannungen im Leben nachzuspüren.

Im zweiten Teil werden Timotheus und Epaphroditus vorgestellt. Beide verkörpern idealerweise das, was Paulus nennt „gesinntsein wie Jesus Christus“. Sie sind „leuchtende Beispiele für die Gemeinschaft und die Gesinnung Christi, also für Nachfolge in selbstloser Liebe, und zwar nicht nur in ihren Qualitäten als Vorbilder“ (Öhm-Ludwig), sondern auch – und darin liegt die Pointe – in ihren Grenzen.

Timotheus ist der getreue Schüler des Apostels, bezeichnend und symptomatisch, dass er bei dem Absender mit Paulus genannt wird, dann aber im Rest des Briefes spricht Paulus nur noch in der 1. Person Singular.

Timotheus soll den  Philippern berichten – aber nur wenn Paulus nicht selbst kommen kann, was natürlich besser wäre.

Epaphroditus ist Abgesandter der Gemeinde Philippi, der Paulus unterstützen soll und im Dienst am Evangelium auf den Tod erkrankt ist, dann aber gesundet und nach Philippi zurückkehren kann.  

In Kleingruppen haben wir nachgedacht, was es für uns selbst be-deutet, wie Timotheus nur die zweite Geige zu spielen, immer im Schatten eines Größeren zu stehen.

Gibt es eine Kultur der Wertschätzung für die, die im Hintergrund stehen, die eine Arbeit machen, ohne die kein Betrieb, keine Gemein-schaft, keine Kirche leben kann, diese Arbeit aber vielfach unsichtbar bleibt.

Vielleicht hatte Epaphroditus – modern gesprochen – ein Burnout. Das regt zu Fragen an: wie gehen wir mit Krankheit bei uns selbst und anderen um? Wie bewerten wir eventuell Krankheit und Krise im Rückblick in unserem Leben? Und welche Rolle spielt Gott darin?

 

Unter der Überschrift „Mit neuen Werten“ stellt Pfarrerin Laura Baumgart Auszüge aus dem 3. Kapitel des Phil-briefes vor.

Irritierend ist zunächst der scharfe Ton, der gleichsam aus heiterem  Himmel nun von Paulus angeschlagen wird:

„Nehmt euch in Acht vor den Hunden, nehmt euch in Acht vor den böswilligen Arbeitern, nehmt euch in Acht vor der Zerschneidung.“ (Phil 3,3)

Offensichtlich waren in Philippi Leute am Werk, mit denen Paulus auch im Galaterbrief zu kämpfen hatte.

„Hunde“ wurden vielfach von Juden die Ungläubigen bezeichnet.

Die „böswilligen Arbeiter“ sind wohl Missionare, die Beschneidung und Reinheitsgebote der Thora für Heiden-Christen einforderten und damit die Gemeinde gefährden und zerstören.  Paulus gebraucht für sie das Wort „Zerschneidung, offensichtlich ließen diese sich als Erwachsene beschneiden.

Paulus bezeichnet sich und die Philipper als die wahre „Beschnei-dung“ (Phil 3,3), gemeint ist damit, sie tragen das wahre Bundes-zeichen, sie, die im Geist Gottes dienen und sich in Jesus Christus rühmen und nicht auf das „Fleisch“, sprich auf äußere Vorzüge und Verdienste bauen.  

In Einzelarbeit haben die Teilnehmerinnen die Gegensätze im Text herausgestellt.

Paulus stammt aus dem angesehenen Stamm Benjamin; wie der prominenteste König aus dem Stamm trägt er den Namen Saul. Er ist am 8. Tag, genau wie Isaak, der Sohn der Verheißung, beschnitten, ist „Israelit“ und „Hebräer“, emphatische Ausdrücke für sein Volk (im Gegensatz zu „Jude“), lebt gerecht nach dem Gesetz, war Pharisäer, gehörte also zur religiösen Elite; und im Bewusstsein eigener Recht-gläubigkeit verfolgte er Abweichler.

Diese Vorzüge erachtet Paulus nun alle als „Dreck“ (Phil 3,8), wörtlich „Kot“.

Die neuen Werte sind: „überschwängliche Erkenntnis Christi“, „Christus gewinnen“, „Gerechtigkeit aus dem Glauben“, „Christus erkennen“, „die Kraft seiner Auferstehung“, „im Tode gleichgestaltet werden, um zur Auferstehung der Toten zu gelangen“, „von Christus  ergriffen sein“ (vgl. Phil 3,7-12). 

Pfarrerin Baumgart hat uns angeleitet, in einem Klangteppich die neuen Werte sinnlich erfahrbar zu machen, um damit etwas von Freude, gelöster Stimmung zu vermitteln.

Des Weiteren wurden wir eingeladen, unsre Lebenslinie im Angesicht Gottes zu malen.

Wie auch in anderen Briefen gebraucht Paulus das Bild  vom Wett-kampf. Wir sind schon auf der Zielgeraden.

Sehr tröstlich die Verse 3,15 f:

„Das wollen wir bedenken, wir Vollkommenen. Und wenn ihr anders über etwas denkt, wird Gott euch auch das offenbaren.“

Darin steckt die Gelassenheit der Kinder Gottes,  die einander gelten lässt und dem anderen noch Wachstum in Gott zugesteht.

Am Abschluss stand ein  Wort von MarkTwain:

„Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen.

Ich für meinen Teil muss zugeben, das mich gerade diejenigen Bibel-stellen beunruhigen, die ich verstehe.“

 

Am Donnerstag referierte Pfarrer Uche Ugwueze „Mit Hoffnung und Freude“ und sprach damit zum zentralen Thema des Philipperbriefes.

 Pfarrer Uche ging von unseren Alltagserfahrungen aus.

Ganz konkret von den Emoticons in unserer modernen Kommunika-tion. Er unterschied Gaudi, äußere Partyfröhlichkeit von innerer Freude, Grinsen oder Zähne zeigen von fröhlichem Lachen und herzlichem Lächeln und Zugetansein. Freude schließt Bedrängnis nicht aus.

Das Bild der Hoffnung schlechthin ist die Begegnung zweier Frauen, Maria und Elisabeth, eine gesellschaftlich unmögliche und eine Risi-koschwangerschaft.

Hoffnung, so erläutert Pfr. Uche, schließt Gefährdung nicht aus. Diese Erfahrung kennt jede Mutter aus ihrer eigenen Schwangerschaft.

Und das Ja muss bei aller Vorfreude und auch Freude nach der Geburt eingeübt werden.

Hoffnung, freudige Erwartung ist das Leitmotiv des Advents. Es  ist erstaunlich, wie viele Lieder, besonders des Advents, Anleihen aus dem Phil-Brief aufnehmen, und der dritte Adventsonntag heißt Gaudete und zitiert im Eingangsvers der Messe das zentrale Motiv aus dem Phil-brief: „Freut euch, noch einmal sage ich euch, freut euch im Herrn.“  (Phil 4,4)

Zweifellos der Höhepunkt der ganzen Bibelwoche war der Bericht von Pfr. Uche, der eine krebskranke Frau über eine lange Zeit beglei-tet.

Diese Geschichte kann hier nicht angemessen wiedergegeben werden. 

Die erste Begegnung war in einer Kirche. Eine Frau weint hemmungs-los und kann sich gar nicht beruhigen. Pfr. Uche setzt sich neben sie, bietet ihr, sehr zurückhaltend, die Hand an, weint mit  ihr, und erfährt schließlich, dass die junge Frau mit ihrer Krebsdiagnose nur noch eine kurze Lebensspanne hat. Tatsächlich kann sie –mit vielen Behand-lungen und Therapien – länger leben, als ursprünglich vermutet und prognostiziert wurde.

Und die Krankheit  hat die Einstellung der Frau und ihrer Familie zu Gott, zu Leben und Sterben entscheidend verändert. Am Ende kann sie zu  allem ja sagen, das große Ja.

In der Schöpfung sagt Gott ja zur Welt und dem Menschen. In der Liebe sagen zwei Menschen zueinander ja und zu dem neuen Leben, das entsteht.

Und wir sollen lernen, ja zu sagen zu dem neuen Leben in Christus, das uns allen verheißen ist. Denn wir alle – mit und ohne Krankheit -haben eine gestundete Zeit, „unsere Heimat ist“, wie es in Phil 3,20 heißt, „im Himmel“.

Und so endete der Vortrag von Pfr. Uche so, dass alle Teilnehmer spontan zu dem Gesagten „Ja“ und „Amen“ sagten.

                                                                                                          Peter Hannappel

 

Die Bibel wurde wahlweise nach der Lutherbibel, der Einheitsübersetzung oder der Basisbibel zitiert, je nachdem welche von den Vortragenden oder Teilnehmern benutzt wurde.

 

 

 

 

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