Ökumenische Bibelwoche 2020

Unsere diesjährige Ökumenische Bibelwoche stand unter dem Motto "Vergesst nicht...". Behandelt wurden an vier Gesprächsabenden Texte aus dem Buch Deuteronoomium (5. Buch Mose) zu den Themen "Gott zieht voran" (Pfarrer i.R. Peter Hannappel), "Mitmenschlichkeit" (Diakon Josef Gebauer), "Dankbarkeit" (Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig) und "Wähle das Leben" (Pfarrerin Laura Baumgart). Leider mussten unsere Abschlussandacht und das gemeinsame Essen am Freitag aufgrund der aktuellen Situation leider entfallen.

Herzlichen Dank Herrn Pfarrer Hannappel für die folgende Zusammenfassung unserer Bibelwoche:


„Vergesst nicht…“ –

Ökumenische Bibelwoche zum Buch Deuteronomium

vom 9. bis 13. März 202 in der St. Lukas-Kirche am Aschenberg

 

Montag, 9. März

Einführung in das Buch Deuteronomium / Gott zieht voran – Dtn 34,1-12

 

Pfr. Peter Hannappel gab einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Deuteronomiums und seiner Hauptinhalte.

Die Anfänge gehen auf die Kultreform König Joschias um 622 zurück; entscheidende Teile dürften im Babylonischen Exil (nach 586) entstanden sein. Die endgültige Redaktion dürfte um 450 abgeschlossen gewesen sein.

Zentrale Aussagen und religionsgeschichtliche Bedeutung des Buches Deuteronomium liegen in den „Zusammenfassenden Thesen zum Buch Deuteronomium“ vor. Das Buch Dtn gibt sich als Abschiedsrede des Mose in den Steppen Moabs, der eigentliche Adressat ist die Gemeinde im babylonischen Exil.

 

Dtn 31,1-13 – Vermächtnis des Moses

Es fällt auf, dass Mose seinem Nachfolger Josua und dem Volk Israel die gleichen Worte als Vermächtnis mit auf den Weg gibt:

„Empfangt Macht und Stärke: Fürchtet euch nicht; denn der Herr, dein Gott, zieht mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.“ (Dtn 31,6; vgl. Dtn 31,7 f)

 

Die Weisung wird den Priestern und den Ältesten des Volkes anvertraut.

 

Verkürzt gesagt: Nicht: die Welt geht unter, weil meine (Lebens-)Welt zu Ende geht, sondern Mose spricht der nachfolgenden Generation Macht und Stärke zu und verheißt ihr den Beistand Gottes.

 

Dtn 34,1-12 – Tod des Mose

Angesichts des Lebensendes Mose, ohne je ins gelobte Land gelangt zu sein, stellen sich dem Leser / der Leserin folgende Fragen (Plenum / Murmelgruppen):

 

Dtn 34,1-5: Unerfüllte Sehnsucht

– Was bedeutet es, das Land vor Augen zu haben und es nicht betreten zu dürfen? („Hinüberziehen wirst du nicht.“ (Dtn 34,4)

– Wie gehen wir mit den unerfüllten Sehnsüchten unseres Lebens um? 

– Was ist „erfülltes“ Leben?

 

Dtn 34,6-9

– Welche Auswirkungen hat es, nicht um eine Grabstätte zu wissen? (Unsicherheit; ein Ort des Gedenkens fehlt…)

– Welche Wirkung geht vom Fehlen des Mosegrabes aus? (kein Personenkult möglich; von Mose bleibt v.a. die Tora!)

– Was soll von mir bleiben?

– Wie vollziehen sich Generationenwechsel?

– Was heißt es, loslassen und abgeben zu können?

– Gewähren wir uns die Zeit, das Vergangene zu betrauern?

   Lassen wir uns auf das Neue ein?

– Wie gehe ich mit der Vergangenheit so um, dass sie in die Zukunft weist?

– Welche Lehren und Erfahrungen der Vergangenheit prägen und tragen uns

– als Gemeinde / Kirche / Gesellschaft? 

– Was gibt uns in einer Zeit des Übergangs Halt? 

– Was wollen wir unbedingt weitertragen?

– Welche Abschiede stehen an?

– Welche Neuaufbrüche sind nötig, damit auch unsere Kinder und Kindeskinder gut glauben und leben können?

– Vertrauen, wir darauf, dass Gott auch in Zukunft seinem Volk vorausziehen wird?

 

Zusammenfassende Thesen zum Buch Deuteronomium

 

  1. I.                  Dtn ist ein Gesetzbuch.

 

In Dtn 33,4: „Eine Weisung hat uns Mose geboten…“

Weisung = Tora = Gesetz (= „Anleitung zum Leben“, „Richtlinien zur Bewährung der Freiheit“)

Tora in Dtn 33,4 bezieht sich zunächst auf das Buch Deuteronomium, näherhin auf Dtn 5 – 11: Grundlegung des Gesetzes und Mahnung zur exklusiven Gottesbeziehung

Dtn 12 – 26     Das Deuteronomische Gesetz

                        12 – 18 Kultische und soziale Gesetze

19    – 25 Straf- und Zivilrecht

 

  1. II.               Dtn ist ein Lehrbuch

 

Gott selbst hat Mose beauftragt, Israel zu lehren (vgl. Dtn 4,14).

Mir befahl damals der Herr, euch Gesetze und Rechtsvorschriften zu lehren, die ihr in dem Land halten sollt, in das ihr hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen. (Dtn 4,14)

1)    „Schema Israel“ (Dtn 6,4-9)

2)    „Kleines historisches Credo“ (Dtn 26,5-10) > Erntedank

3)    „Ethischer Dekalog“ (Dtn 5,6-21)

4)    „Katechetisches Credo“ (Dtn 6,20-25)

5)    Mose aktualisiert am Berg Nebo den Bund Gottes mit seinem Volk, den das Volk vor 40 Jahren am Berg Horeb geschlossen hat. „Heute“ (75mal !)

Das „Heute“ des Horeb, das „Heute“ in Moab, das „Heute“ im Exil, das „Heute“ des Lesers

6)    Mnemotechnik (Gedächtniskunst, Gedächtnistraining)

„damit sie zuhören und auswendig lernen“ (Dtn 31,12.19)

Über 300 Mal heißt es im Buch Deuteronomium „dein / euer / unser Gott“.

„damit du lebst“ (sechsmal); „Nimm dich in Acht!“ (zehnmal!)

 

  1. III.           Dtn ist ein prophetisches Buch

 

Mose wird als der Größte Prophet“ (Dtn 34,10) bezeichnet.

Seine Autorität gründet in göttlicher Berufung (Dornbuschszene)

Mose sieht den Abfall des Volkes voraus (Dtn 28,45)

Wie die Propheten kritisiert er die Könige und ihren Machtmissbrauch.

Moselied: „Hört zu, ihr Himmel, ich will reden, die Erde lausche meinen Worten.“ (32,1 – 33,44)

 

  1. IV.            Israels politische Verfassung: ein Bundesvolk von Schwestern und Brüdern

 

Im Ämtergesetz (Dtn 16 – 18) werden vier staatstragende Ämter eingesetzt: Richter, König, Priester und Propheten. N. Lohfink spricht von „konstitutioneller Monarchie“. Vortrag im Jobeljahr (idealisierte Gesellschaft!)

 

  1. V.               Theologie: Der eine Gott

 

Im Buch Deuteronomium und im deuteronomistischen Geschichtswerk spiegelt sich die folgenreichste Entwicklung der Religionsgeschichte: die Entstehung des Monotheismus.  

 

Dienstag, 10. März: Mitmenschlichkeit (Dtn 10,17-19; Dtn 19,1-15)

Diakon Josef Gebauer

 

Solidarität mit den Benachteiligten und Schwachen ist ein durchgängiges Motiv im Buch Dtn. Zu diesen zählen:

  • die Leviten (weil ihnen kein Anteil am Land zugewiesen wird)
  • die Witwen (in Kriegszeiten eine bedeutende Zahl) und Waisen, die in der (Männer)-Versammlung keinen Fürsprecher hatten
  • die Fremden (ohne Bürgerrecht)

 

Dtn 10,17c „Er [Gott] lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an.“

 

Es sollte eigentlich sich von selbst verstehen, dass Gott unbestechlich ist! Und doch: Das Religionsverständnis der alten Römer: „Do, ut des!“ – „Ich gebe, damit du mir etwas gibst“ steckt tief in uns Menschen. „Wenn ich dies oder jenes bekomme / erreiche, aus dem Krieg heimkehre, mache ich eine großzügige Spende / eine Wallfahrt / baue eine Kapelle“ usw.

Die evang. Theologen Karl Barth und Dietrich ich Bonhoeffer machen deshalb eine scharfe Unterscheidung zwischen „Religion“ und dem Glauben an den unverfügbaren Gott.

 

Weil Gott „unbestechlich“ ist, müssen auch die menschlichen Richter „unbestechlich“ sein – ein großes Thema bis in die Gegenwart, wie der weltweite Korruptionsindex (Quiz) zeigt.

 

Dtn 10,18

Er verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung –

19 auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.

 

Ex 22,20: Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.

Ex 23,9 Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.

 

Lev 19,18 Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.

 

Die Verse greifen Motive aus dem Bundesbuch (Ex 20 – 23; 8. Jh.) auf, die dann später im Heiligkeitsgesetz (Lev 17 – 26; Perserzeit) wieder zitiert werden. Der Verweis auf die Sklaverei in Ägypten ist ein durchgängiges Motiv in Dtn.

 

Dtn 15,7: Wenn bei dir ein Armer lebt, irgendeiner deiner Brüder in irgendeinem deiner Stadtbereiche in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt, dann sollst du nicht hartherzig sein und sollst deinem armen Bruder deine Hand nicht verschließen.

 

Dtn entwirft eine idealtypische Gesellschaft. Barmherzigkeit ist nicht nur gegenüber dem unmittelbaren Verwandten gefordert, sondern gegenüber jedem Stammesgenossen.

Den Fremden wird Nahrung und Kleidung zugebilligt.

 

Damit setzt eine folgenreiche Entwicklung in der Ethik ein ähnlich wie im Gottesglauben (von der Verehrung eines Gottes, ohne andere Götter zu bestreiten hin zu dem Glauben, dass es überhaupt nur einen Gott gibt). Hier die Ausweitung auf alle Menschen, wie sie im Neuen Testament dann gegeben ist.

 

Auf die Frage nach dem ewigen Leben antwortet Jesus mit der Gegenfrage nach dem Gesetz: die Antwort erfolgt mit Dtn 6,4:

 

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. (Lk 10,27)

 

Und dann expliziert Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37), dass jeder Mensch – auch der Fremde – mein Nächster sein kann.

 

Ähnlich sagt der Jesus der Weltgerichtsszene in Mt 25:

Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35)… Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Die drei unverzichtbaren Grundvollzüge der Kirche sind:

Leiturgia (Gottesverehrung), Martyria (Bekenntnis zu Gott) und Diakonia (Nächstenliebe, Caritas)

 

Zur Auflockerung gab es ein kleines Quiz, das unser Wissen bezüglich Fremde / Migranten, Armut, Korruption in der Welt und Christenverfolgung aktiviert und untereinander ins Gespräch bringt.

 

 

Mittwoch, 11. März: Dankbarkeit (Dtn 8)

 

Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig setzt ein mit einer Bildbetrachtung zu Josef Ebnöther „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch“.

Das Bild ist deutlich in drei quer verlaufenden Zonen gegliedert: Ein schmaler blauer Streifen oben, der Gott / Himmel symbolisieren mag; eine breite gelb-orangefarbenen Mittelzone und eine schmale braune Erdzone, über der sich quer verlaufende Linien zu einer Schale formen. Sie sammeln / fangen weiße Punkte auf, die vom Himmel fallen. Im Zusammenhang der Wüstenwanderung des Volkes Israel assoziiert man sie mit dem Manna, dem Himmelsbrot. In das Bild eingeschrieben sind die Worte DANKBARKEIT und SEGEN GOTTES.

Die geöffneten Hände zeigen dankbares Annehmen dieses vielfältigen Segens. Es sind eben keine schaffenden, sondern empfangenden Hände.

 

Einstieg zum Plenum und Einladung in Murmelgruppen:

Wofür bin ich Gott dankbar?

 

Dtn 8 ist in sich nicht schwierig zu verstehen, und doch fällt es nicht leicht, eine Zusammenfassung zu erstellen, wahrscheinlich  weil die Vorstellungswelt zumindest ungewohnt ist, beispielsweise „Erziehung durch Zumutung“, „demütigen“.

Deshalb hier ein Vorschlag von Pfr. Oehm-Ludwig:

 

Mose ermahnt das Volk dazu, nach der geglückten Landnahme Gott und seine Gebote nicht zu vergessen. Der Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten ist die bleibende Bedingung dafür, dass das Volk ein gutes Leben führt und sich weiter mehren und wachsen wird. Mit seiner Beschreibung der 40jährigen Wüstenwanderung führt Mose die Abhängigkeit von Gott seinen Hörern eindringlich vor Augen und fordert zum steten Erinnern dessen auf, dass das Volk allein Gott seinen Wohlstand zu verdanken  hat.

 

Gliederungsvorschlag:

 

Dtn 8,1                 Haltet die Gebote, „damit ihr lebt“

Dtn 8,2-6              Erinnerung an den Auszug aus Ägypten

Dtn 8,7-11            1. Mahnrede

Er demütigt dich (2mal);          

du sollst seine Gebote halten und Gott fürchten

Dtn 8,12-18           2. Mahnrede (inhaltliche Wiederholung; memorieren!)

 

Dtn 8,19-20           Abschluss

 

Verben, die hervorstechen: nicht vergessen, gedenken, erinnern.

 

Einladung ans Plenum und in Murmelgruppen:

Was ist Ihnen so wichtig, dass Sie es nicht vergessen möchten?

 

Was passiert, wenn man „satt“ ist?

Vergesst nicht, sonst werdet ihr umkommen (vgl. Vers 19)

Wir werden nicht gleich umfallen, aber wir werden beeinträchtigt. Vergessen bedeutet Verlust von Beziehung.

 

Verweis auf das und Analogie zum Grundgesetz:

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben ihre Lehre aus der Geschichte gezogen. Heute, im Gefühl des Sattseins, des Wohlstandes: Das haben wir geschafft. Ist hinreichend das Bewusstsein um die dauerhafte Gefährdung bzw. Schutzbedürftigkeit des GGs gegeben?

 

Leben

 „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ (Dtn 8,3)

 

Wovon lebt der Mensch?

Liebe, Beziehung, Würde, Freundschaft, Anerkennung, Glaube, Sinn, Hoffnung…

 

Auf der Seite des Lebens stehen: die Worte, die aus Gottes Mund kommen, die intensive Bindung an Gott, ein Leben im ungebrochenen Vertrauen auf Gott, das Gedenken und damit das Danken und das Loben, aber auch das Genießen des guten Lebens unter Gottes Segens. Auf der Seite des Todes steht demgegenüber das Vergessen.

 

Stichworte „demütigen“, „erziehen“, „Erziehen durch Zumutung“ bleiben schwierig. Es gibt, z. B.in Klöstern, durchaus eine fragwürdige Tradition zur „Demut“.

Zweifellos erleben viele Menschen im Rückblick, dass eine schwierige Lebensphase durchaus für sie segensreich war. Aber es gibt auch Leid, an dem Menschen einfach zerbrechen, und es wäre fatal, ihnen und ihrem Leid (gleichsam von außen) Sinn anzudichten. 

Möglich ist, dass ein Mensch für sich selbst schweren Zeiten als Phasen des Glaubenswachstums interpretiert, ganz im Sinne des berühmten Gedichts von Margret Fishbak Powers „Spuren im Sand“: „Ich träumte eines Nachts, ich ginge am Meer entlang mit meinem Herrn…“

 

Die frühen Mönche sind in die Wüste gezogen. Ein Aspekt war sicher: Weg von der Fülle, dem Sattsein hin zur Erfahrung des Mangels, der Demut. Es geht nicht darum, klein (gemacht) zu werden, sondern um Dankbarkeit. Die Wüste ist der Ort der unmittelbaren Erfahrung, dass letztlich alles von Gott abhängt. Ich kann mir in der Wüste nur bedingt selber helfen, ich bin ganz und gar auf Gott und auf seine Fürsorge angewiesen. Das macht mich demütig. Das macht mich letztlich dankbar.

 

Austausch über die Wüstenzeiten des Lebens bzw. die Tugend der Demut

Den Abschluss bildeten Stichworte Dietrich Bonhoeffers zur Dankbarkeit.

 

Dietrich Bonhoeffer

 

– Dankbarkeit entspringt nicht aus dem eigenen Vermögen des menschlichen Herzens, sondern nur aus dem Worte Gottes. Dankbarkeit muss darum gelernt und

geübt werden. ...

 

– Dankbarkeit sucht über der Gabe den Geber. Sie entsteht an der Liebe, die sie empfängt. ...

 

– Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen. Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen. ...

 

– Dem Dankbaren wird alles zum Geschenk, weil er weiß, dass es für ihn überhaupt kein verdientes Gut gibt.

 

– In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit, in ihr wird das Vergangene fruchtbar für die Gegenwart. Ohne die Dankbarkeit versinkt meine Vergangenheit ins Dunkle, Rätselhafte, ins Nichts. Um meine Vergangenheit nicht zu verlieren, sondern sie ganz wiederzugewinnen, muss allerdings

zur Dankbarkeit die Reue treten. In Dankbarkeit und Reue schließt sich mein Leben zur Einheit zusammen.

 

– Undankbarkeit beginnt mit dem Vergessen, aus dem Vergessen folgt Gleichgültigkeit, aus der Gleichgültigkeit Unzufriedenheit, aus der Unzufriedenheit Verzweiflung, aus der Verzweiflung der Fluch.

 

(Konspiration und Haft 1940-1945, DBW Band 16, 5.490, 491,492,493).

 

Donnerstag, 12. März: Wähle das Leben (Dtn 30,11-19)

Pfarrerin Laura Baumgart wählt einen interessanten Einstieg:

Das Gilgamesch-Epos ist eines der ältesten Mythen der Menschheit, es reicht 2400 vChr zurück. Es war im ganzen vorderen Orient bekannt und verbreitet. Die umfassendste erhaltene Version, das sogenannte Zwölftafel-Epos ist auf elf Tontafeln aus der Bibliothek des assyrischen Königs Aššurbanipal erhalten.

Gilgamesch, der Held der Geschichte, ist zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch. Er besitzt außergewöhnliche physische Kräfte, wird als furchtloser und ungehobelter Tatmensch geschildert und herrscht als König in Uruk.

Als sein Freund Enkidu stirbt, macht Gilgamesch sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit auf. Er stößt bis in den Himmel und die Unterwelt vor. Am Ende muss der Held einsehen, dass Unsterblichkeit nur den Göttern gegeben, Leben und Sterben aber Teil der menschlichen Natur ist.

 

Offensichtlich spielt Dt 30,11-14 auf das Gilgamsech-Epos an, wenn es heißt:

 

Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? 14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.

 

In den Kapiteln 29 und 30 handelt es sich um die Moab-Bund-Rede (nicht um den Bund, sondern um die Rede).

 

Drei Ebenen sind deutlich zu unterscheiden:

  • Mose spricht zum Volk in den Steppen Moabs
  • Die Israeliten fragen nach dem Warum? des babylonisches Exils

„Wenn du unter den Heiden bist“ (V 1);

der Herr wird die „Gefangenschaft wenden“ (V 3)

„in das Land, das deine Väter in Besitz genommen haben“ (V 5)

Gemeint sind die Zuhörer des Mose in den Steppen Moabs; die eigentlichen Adressaten aber sind die Leser / Leserinnen im babylonischen Exil!

  • Der Text ist für uns heute im Jahr 2020 gültig.

„deine Kinder“ (V 2); „das Herz deiner Nachkommen“ (V 6)

 

In den Versen 1 – 10 fällt ein Wortfeld auf, das auf ein hebräisches Wort zurückgeht: „Umkehr“.

V 1:   (wörtlich) „und du es zurückbringst zu deinem Herzen“

V 2    „du zu Jahwe, deinem Gott, umkehrst

V 3    „dann wird Jahwe, dein Gott, dein Schicksal wenden… Er wird zurückkehren und dich sammeln aus allen Völkern“

V 8    „Du wirst umkehren und auf die Stimme JHWHs hören“

V 9    Denn JHWH wird umkehren, sich zu freuen“

V 10  „Denn du wirst umkehren zu JHWH, deinem Gott“

 

Sowohl Israel kehrt um (Vv 1,2, 8,10) als auch Gott (Vv 3,9). Umkehr ist zunächst

ein innerer Prozess, dann aber entfaltet sich eine äußere Dynamik zur Rückkehr aus allen Nationen.

 

Der Herr, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden. Dann wirst du den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben können, damit du Leben hast. (Dtn 30,6)

 

Der Vers bietet gewisse Verständnisschwierigkeiten. „Beschneidung des Herzens“ meint wohl ein Öffnen des Herzens auf Gott hin. Bemerkenswert ist, dass die Aktivität von Gott ausgeht, er bewirkt, dass das Herz sich auf Gott und seine Gebote hin öffnet. Dies ist dann schon eine Vorstufe zur neutestamentlichen Gnadentheologie.

 

In einem abschließenden Appell  (Vv 15 -20) werden die Alternativen mit ihren jeweiligen Folgen eindringlich („Himmel und Erde zu Zeugen“, V 19) vor Augen geführt:

Leben – Tod

Fluch – Segen

das Gute – das Böse

 

Das Dtn stellt klar, dass falsche Entscheidungen der Vergangenheit zum Dilemma in der Gegenwart führen. Fehlentscheidungen führen zu Konsequenzen, die man tragen muss. Grenzen, die man überschritten hat, führen in ein verbotenes Land, zu Orten, an denen man nicht sein sollte.

Aktualisierungen drängen sich förmlich auf, so dass man sich schon scheut, diese im Plenum breit zu erörtern, um nicht in Plattitüden zu verfallen:

Klima, Umweltbelastung, Ressourcenverbrauch: die gegenwärtigen Gefährdungen resultieren aus falschen Entscheidungen in der Vergangenheit.

 

Zugleich macht das Dtn deutlich, dass wir im „Heute“ leben. Jetzt kann ich neu entscheiden, jetzt ist Neuanfang und Umkehr möglich. „Wähle also das Leben!“ (Dtn 30,19)

 

Es ist der Aufruf, mit dem Jesus an die Öffentlichkeit tritt:

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15)

 

Peter Hannappel

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