Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Laura Baumgart

I

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

die Füße eines knienden Apostels – so stellt der Maler Albrecht Dürer sie sich vor. Er hat sie gemalt im Jahr 1508. Man sieht die Fußsohlen von unten. Der Apostel ist barfuß. Man sieht schön die Rundung von der Ferse bis zu den Zehen: Das Fußgewölbe hält den Körper in Spannung. Der Apostel kann auf diesen Füßen sicher gut laufen. Bestimmt besser als mit Plattfüßen, bei denen Knie, Hüften und Rücken viel stärker belastet werden. Die Füße des knienden Apostels sehen gesund aus und bereit für die nächsten Schritte.

 

II

Wie sieht es denn mit Ihren Füßen aus? Haben Sie sich heute schon um Ihre Füße gekümmert? Vielleicht haben Sie sie nach dem Duschen sorgfältig abgetrocknet. Oder sogar eingecremt oder massiert? Oder haben Sie Ihren Füßen heute noch keine Beachtung geschenkt? Dann fühlen Sie sie doch einmal, bewegen Ihre Füße, wackeln mit den Zehen.

Wir Christen haben keine besondere Beziehung zu unseren Füßen – im Gegensatz zu Muslimen. Sie ziehen jedes Mal vor dem Betreten der Moschee ihre Schuhe aus. Sie beten nicht mit Schuhen!

Würden wir uns stärker am Alten Testament als am Neuen Testament orientieren, würden wir uns vielleicht auch die Schuhe ausziehen beim Beten und beim Gottesdienst. Denn es gibt eine zentrale Bibelstelle, die ganz dafürspricht: Als Mose den brennenden Dornenbusch sieht, hört er plötzlich Gottes Stimme. „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliges Land.“ (2 Mose 3,5) Auf Gottes Befehl hin zieht Mose seine Schuhe aus und bedeckt sein Gesicht. Das Ausziehen der Schuhe ist für ihn ein Zeichen der Ehrerbietung, ein Ausdruck seiner Unwürdigkeit Gott gegenüber. Auf bloßen Füßen kann man nicht weglaufen, man ist wehrlos. Und Mose ergibt sich seinem Schicksal und macht sich auf den Weg, um das Volk Israels aus Ägypten ins gelobte Land zu führen.

 

III

Füße sind, wenn Albrecht Dürer sie malt, etwas ganz Wunderschönes. Eine Ferse. Ein Spann. Die Fußspitze. Der große Zeh und die vier kleinen Zehen. Füße werden eigentlich viel zu wenig beachtet in unserer Welt. Es gibt in der Wahrnehmung von uns Menschen ein Kopf-Hand-Fuß-Gefälle. Zuerst schaut man jemandem ins Gesicht, nimmt den Menschen wahr. Dann streckt man dem Gegenüber seine Hand entgegen, begrüßt sich. Aber Füße? Werden höchstens dekoriert mit hübschen Schuhen. Aber so richtig beachtet werden sie eigentlich erst, wenn sie nicht mehr funktionieren. Wie bei Diabetikern zum Beispiel. Wir denken also ganz schön wenig über das nach, was uns jeden Tag trägt und bewegt!

Aber dafür gibt es wunderbare Redewendungen beim Thema Füße: Wenn eine Braut kalte Füße bekommt. Oder sich der Bräutigam die Füße in den Bauch steht. Wenn Eine Frau auf großem Fuß lebt, ein Kind noch nicht auf eigenen Füßen steht oder ein Mann mit dem linken Fuß aufgestanden ist. In unserer Sprache sind Füße ganz wichtig – und in der Theologie auch. Denn wir sind von Kopf bis Fuß (oder von Fuß bis Kopf?) Geschöpfe Gottes.

 

IV

Die Füße eines knienden Apostels. Albrecht Dürer hat bloße Füße gemalt, ohne Schuhe. Wann waren Sie das letzte Mal barfuß unterwegs? Vielleicht am Strand oder im Garten? Haben Sie schon mal den Boden, auf dem Ihre Füße jetzt platziert sind, mit Ihren nackten Füßen gespürt?

Wenn wir unsere Schuhe ausziehen, dann ist es so, als ob wir unsere Rüstung ablegen. Die Schuhe schützen unsere zarten Füße. Und sie erlauben uns, ohne groß nachzudenken zu laufen. Barfuß sieht das ganz anders aus. Dann können wir uns nur ganz vorsichtig fortbewegen, müssen jeden Schritt bedenken. Will Albrecht Dürer uns mit seinem Bild vielleicht sagen: „Gehe durchs Leben als hättest du nackte Füße. Renn nicht blind und planlos herum, gehe sorgsam mit dir um. Überlege dir jeden Schritt, ob er dir guttut oder Schaden zufügt.“

Nackte Füße brauchen mehr Zuwendung als Füße, die von Socken und Schuhen geschützt sind. Nackte Füße brauchen einen Ort zum Ausruhen und einen Ort zum Waschen. Jesus hat anderen die Füße gewaschen (Joh 13). Der Meister selbst kniete sich nieder und bediente seine Freunde, tat ihnen etwas Gutes. Gab ihnen einen Ort zum Ausruhen und Entspannen. Die Jünger spürten intensiv, dass der Herr ihnen die müden Füße belebte. Denn sie hatten ja noch einen weiten Weg vor sich. Sie sollen als Apostel das Evangelium in der ganzen Welt verkündigen! Petrus zum Beispiel reist bis nach Rom – zu Fuß, barfuß oder bestenfalls mit Sandalen an den Füßen. Doch am Anfang ihrer Reise steht die Stärkung, die Erfrischung: Bevor sie gehen, werden ihre Füße belebt und gestärkt von Jesus selbst.

Die Fußwaschung ist das Zeichen der Freundschaft und der Liebe Jesu. Weil er seine Freunde so sehr, dass es ihm nicht ausmachte, die schmutzigen und verschwitzten Füße zu waschen, denn er weiß, wie gut es ihnen tut. Das ist so ähnlich wie viele Dinge, die wir aus Liebe zu anderen tun. Wenn mein Mann die schweren Getränkekisten trägt oder ich ihm nach einem langen Tag etwas Kühles zum Trinken hinstelle. Das tun wir aus Liebe – und folgen damit Jesus, der sagte: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, was ich euch getan habe.“ (Joh 13,15) Jeder, der einem anderen das Leben leichter oder schöner macht, der andere erfrischt und belebt, steht in einer guten Tradition mit Jesus.

 

V

Die Füße eines knienden Apostels: frisch gewaschene, gestärkte, kräftige Füße, die unseren Apostel durch die Welt tragen, damit er die frohe Botschaft verkündigen kann. Viele Menschen haben sich in den letzten 2000 Jahren auf den Weg gemacht, um diese Botschaft weiterzusagen. Dabei haben sie müde Füße bekommen und Verletzungen, Blasen und Hornhaut, aber die Botschaft hat auch uns erreicht und heute sind wir die Apostel Jesu. Unsere Füße tragen uns durch die Welt auf den Spuren Jesu. Wie schön, wenn sie (wie jetzt gerade) einen Ruheplatz haben. Und mit erholten und frisch gestärkten Füßen gehen wir nach dem Gottesdienst weiter auf unserem Lebensweg.

Gebe Gott, dass wir unsere Füße auf seine Wege lenken: auf die Wege der Liebe und des Friedens und des Glaubens.

Amen.

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