Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag 2020

"Von dem, der nicht zur Krippe ging"

von Pfarrerin Laura Baumgart


I
Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Frauen!
oder:
Herbei, o ihr Gläubigen!
Die schönen Weihnachtslieder rufen uns herbei, zum Stall, zur Krippe, zum Jesuskind.
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all!
Während sonst die Kirchen an Weihnachten aus allen Nähten platzten, weil wirklich alle Kinderlein kamen, machen sich in diesem Jahr nicht viele auf in die Kirchen und Gottesdienste, um die Geburt des göttlichen Kindes zu feiern. Viele Plätze blieben leer, auch bei uns. Andere Gemeinden haben sogar ganz auf die Gottesdienste verzichtet. Dort blieben die Kirchen zum Teil sogar dunkel und verschlossen. Und das an Weihnachten, wenn es doch eigentlich heißt:
Herbei, o ihr Gläubigen! Und: Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all!
Es ist alles anders in diesem Jahr. Und trotzdem ist es Weihnachten geworden. Und das erfüllt mich mit ganz großer Freude. Denn Weihnachten kann man nicht aufhalten. Gott kann man nicht aufhalten. Gott kommt auf die Welt. Jesus wird geboren.
Alle Jahre wieder.

II
Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.
Jesus kam zur Welt. Und dieses kleine Menschenskind hatte nicht die besten Startbedingungen. Seine hochschwangere Mutter musste vor der Geburt noch eine weite Strecke zu Fuß gehen. Das wünscht man keiner Schwangeren im 9. Monat! Und dann vor Ort diese hektische Suche nach einem Schlafplatz - denn Maria spürte: Das Kind kommt. Und niemand hatte ein Bett frei.
Der Stall war unter hygienischen Gesichtspunkten sicherlich nicht die beste Wahl. Medizinisches Personal war auch nicht da, kein Arzt, keine Schwester, keine Hebamme.
Aber Jesus kam trotzdem. Trotz allem. Denn Gott kann man nicht aufhalten. Und es ging alles gut bei dieser Geburt im Stall. Gott sei Dank!

III
Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all: Nachdem Jesus geboren war, machten sich die Menschen auf den Weg zu ihm. Sie gingen los, folgten dem Stern um ihn zu sehen: Erst die Hirten, dann die Weisen aus dem Morgenland. Der Heiland war geboren!
Aber es gab einen in dieser Nacht, der machte sich nicht auf. Es gab einen, der blieb lieber daheim. Dem war das alles nichts. Und Gott fand ihn trotzdem. Denn Gott kann man nicht aufhalten. Und wie das geschah, erzählt diese Legende…

IV
Es war einmal ein Hirte, der lebte auf einem Feld in der Nähe Betlehems. Er war ein großer und starker Mann, aber er hinkte und konnte nur an Krücken gehen. Darum saß er meistens mürrisch am Feuer und sah zu, dass es nicht ausging. Die anderen Hirten fürchteten sich vor ihm. Und so hatte es sich eingespielt: Er bewachte das Feuer - die anderen bewachten die Schafe.
Als den Hirten in der Heiligen Nacht ein Engel erschien und die frohe Botschaft verkündete, da wandte sich der mürrische Hirte ab.
Und als sie sich aufmachten, um das Kind zu finden, so, wie es ihnen der Engel gesagt hatte, blieb er allein am Feuer zurück. Sie fragten, ob er mitkommen wolle, aber er verneinte. Er schaute ihnen nach, sah, wie das Licht ihrer Lampen kleiner wurde und sich in der Dunkelheit verlor. Er lachte ihnen hinterher:
„Ihr lauft ins Nichts! Was wird das schon sein? Ein Spuk, ein Traum!“
Die Schafe rührten sich nicht.
Die Hunde rührten sich nicht.
Er hörte nur die Stille.
Er stocherte mit der Krücke in der Glut.
Später bemerkte er, dass er vergessen hatte, frisches Holz aufzulegen. So sehr war er in Gedanken gewesen. Er hatte nachgedacht: Was wäre, wenn es kein Spuk, kein Traum wäre? Wenn es den Engel doch gab? Aber nein, das waren Gehirngespinste. Unfug war das.
Irgendwann raffte er sich auf, nahm die Krücken und humpelte davon. Doch statt nach Hause zu gehen, ertappte er sich dabei, dass er den Spuren der anderen folgte.
Als er endlich zu dem Stall kam, dämmerte bereits der Morgen. Lange hatte er für den Weg gebraucht. Mit seinen Krücken lief es sich nicht so schnell.
Der Wind schlug die Tür auf und zu.
Ein Duft von fremden Gewürzen hing in der Luft. Der Lehmboden war von vielen Füßen zertreten. Er hatte den Ort gefunden.
Doch wo war das Kind, der Heiland der Welt, Christus, der Herr in der Stadt Davids?
Er lachte. Es gab kein Kind. Es gab keine Engel. Schadenfroh wollte er umkehren.
Doch dann fiel sein Blick auf die kleine Kuhle, wo das Kind gelegen hatte. Er sah das Nestchen im Stroh. Er war zu spät.
Er kauerte vor der leeren Krippe nieder und wusste nicht, wie ihm geschah. Ein merkwürdiges Gefühl war über ihn gekommen. Es gab den Engel. Es gab das Kind.
Es machte ihm nichts aus, dass das Kind ihm nicht zulächelte. Es machte nichts, dass er den Gesang der Engel nicht hörte und den Glanz Marias nicht bewunderte! Es machte ihm nichts aus, dass er nun nicht mit den anderen in Betlehem durch die Straßen zog und von dem Wunder erzählte!
Er wusste es: Es gab das Kind. Es gab den Engel.
Staunend ging er davon. Er wollte das Feuer wieder anzünden, bevor die anderen Hirten zurückkamen.
Doch als er eine Weile gegangen war, merkte er, dass er seine Krücken bei der Krippe vergessen hatte. Er wollte umkehren, aber dann blieb er ruckartig stehen. Er lief. Ohne Krücken. Und das schon eine ganze Weile! Zögernd machte er einen Schritt, dann noch einen. Dann noch einen. Und schließlich rannte er los…

V.
Unser Hirte wusste nicht wie ihm geschah… Er hatte noch gelacht: „Da ist doch nichts und niemand. Was ich nicht sehe, glaube ich auch nicht.“ Das ist der Einwand derer, die nicht glauben.
Und doch: Der Hirte spürt es und kann es nicht in Worte fassen. Weil es eben unglaublich und unfassbar scheint. Es gibt das Kind. Es gibt den Engel. Gott ist da.
Nicht groß und offensichtlich, aber so fein und nah, dass es genügt. Und diese Erkenntnis verändert unseren Hirten. Gott ist da.

VI.
Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all.
Oft habe ich mich in diesem vergangenen Jahr gefragt: Was soll das nur werden mit Weihnachten? Erst am 23.12. - am Tag vor dem Heiligen Abend - hat unser Kirchenvorstand definitiv entschieden: Unsere Weihnachtsgottesdienste finden statt. Unsere Kirchenvorsteher hätten auch eine andere Entscheidung treffen können, so wie viele Gemeinden auch hier in Fulda. Dort haben keine Weihnachtsgottesdienste stattgefunden.
Aber Weihnachten - das hat stattgefunden. Überall. Denn die Weihnachtsbotschaft gilt der ganzen Welt: Von den Alpen bis zur Küste, in Asien und Amerika, in Afrika und Australien und selbst am Nordpol heißt es in diesem Tagen: Frohe Weihnachten!
Denn Weihnachten kann man nicht aufhalten oder absagen. Das kann kein Virus und keine Bundeskanzlerin und kein Kirchenvorstand. Die Geschichten sind da. Der Stern ist da. Menschen sind da. Die Hoffnung ist da.
Gott wird immer Wege finden, um zu uns zu kommen: durch seine Engel, durch seinen Stern oder in seinem Sohn Jesus Christus, der uns retten will. In ihm spüren wir Gottes Liebe, die alle Hindernisse überwindet. Er kommt zu uns in der Heiligen Nacht und in den Weihnachtstagen, er will uns anrühren und bei uns bleiben.

VII.
Der Engel des Herrn rief „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Und selbst der mürrische Hirte ließ sich davon bewegen und berühren, machte sich auf und fand Jesus. So, wie Gott den mürrischen Hirten fand, wird Gott auch uns immer finden.   Weil er uns liebt.
Und so, wie der mürrische Hirte die leere Krippe im Stall fand, so wird Gott sich von uns immer finden lassen. Weil er uns liebt.
Gott macht sich auf den Weg von uns: Lassen wir uns von ihm finden!
Amen.

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