Predigt am Altjahrsabend 2020 über 2. Mose 13,20-22

von Pfarrerin Laura Baumgart

I.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

in wenigen Stunden feiern wir den Jahreswechsel. Wir zählen die letzten Sekunden mit 3 – 2 – 1 – 0: Und schon ist 2020 einfach vorbei, und 2021 hat begonnen. Draußen steigen vermutlich nur ein paar einzelne Raketen in den Himmel, weniger Menschen als sonst werden auf den Straßen zu sehen sein. 

Das alte Jahr endet in diesem Jahr fast heimlich, ein neues beginnt still und leise - und doch versinken wir Menschen wie in jedem Jahr für einen Moment in Gedanken, wie das alte Jahr war, wie das neue sein wird…

2020 war ein besonders schweres Jahr. Selten habe ich in den letzen Dezembertagen so oft gehört „Was bin ich froh, wenn das Jahr erst rum ist!“. Aber wird das nächste wirklich besser? Was wird wohl alles auf uns zu kommen im Jahr 2021?

 

II.

Wenn etwas Neues beginnt, ein neues Jahr, ein neuer Job, ein neuer Lebensabschnitt, dann sind wir oft hin- und hergerissen zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen. Ein neuer Anfang bedeutet einerseits Verunsicherung, Angst, Zweifel. Andererseits kann ein Neuanfang erwartungsvoll und neugierig stimmen. Und manchmal erleben Menschen in solchen Situationen alles gleichzeitig. Was gibt uns dann Halt? Was gibt uns Stärke? Fragen wir unseren großen Reformator, Martin Luther:

„Was kommt im neuen Jahr, kannst nit durchschauen, musst hoffen und auf Gott vertrauen.“ Was kommt im neuen Jahr, kannst nit durchschauen, musst hoffen und auf Gott vertrauen. 

 

III.

Die Bibel erzählt von vielen Neuanfängen. Von Menschen, die losgehen und neu beginnen. Noah mit seiner Arche. Oder Abraham und Sara. Auch Mose und die Ägypter brechen auf - sie fliehen aus der Sklaverei und machen sich auf den Weg. Das gelobte Land ist ihr Ziel. Ich stelle mir manchmal diese Reisegruppe vor. Eine bunte Truppe muss das gewesen sein. Männer, Frauen, Kinder in jedem Alter.

Manche wanderten vermutlich entschlossen mit festem Blick in die Ferne. Manche blieben immer wieder zögernd stehen und schauten zurück. Manche gingen mit müden Schritten und schmerzenden Gliedern. Manche tänzelten voller Vorfreude allen voraus. Manche mussten getragen werden. Manche strahlten zuversichtliche Gelassenheit aus.

Was sie in Ägypten gehabt haben, das wussten sie. Was sie erwartete, wussten sie nicht. Aber nun waren sie tatsächlich aufgebrochen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht. Sie wagten es, sich der Führung Gottes anzuvertrauen.

 

IV.

Das Volk Israel musste auf seiner Wanderung viel aushalten, Hunger, Durst und Verfolgung, es musste sich organisieren, um zu überleben und nicht alle werden das Ziel erreichen. Eine aufregende Zeit, eine anstrengende Zeit, eine lebensgefährliche Zeit mit ungewissem Ausgang lag vor ihnen.

Und Gott schickte sie trotzdem los. Er rechnete mit dem Zweifel, er rechnete mit der Überforderung und Schwäche der Menschen. Aber er ließ sein Volk damit nicht allein: Er übernahm die Führung. Davon erzählt unser Predigttext aus dem Buch Exodus im 13. Kapitel:

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

V.

Ich beneide die Israeliten. Gott selbst griff ihnen unter die Arme. Er ging vor ihnen her: bei Tag in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule. Nie ist Gott von ihnen gewichen. Keinen Augenblick ließ er sein Volk alleine. 

Wie schön wäre eine so eindeutige Gegenwart Gottes für uns. Gerade jetzt, wo die ganze Welt aus den Fugen gerät wegen eines kleinen Virus. 

Stellen wir es uns doch einmal ganz konkret vor: Eines Morgens steht eine mächtige Wolkensäule hier über Fulda. Sie setzt sich in Bewegung und signalisiert uns in überwältigender Klarheit, dass wir ihr nachgehen sollen. Sie führt uns, leitet uns. Und wenn es dunkel wird, verändert sie sich. Nun leitet uns eine Feuersäule. Und sie führt uns nicht zum Sinai, das wäre zu weit, aber vielleicht bis zu einem Gipfel in der Rhön. Dort würde dann einer von uns hinaufsteigen, um von Gott die Weisungen für den weiteren Weg unserer Gesellschaft zu empfangen. Vielleicht in Form von 10 Regeln für unser Zusammenleben, geschrieben auf Tafeln aus Stein.

So eine Säule hätte ich persönlich gerne. So ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott da ist und uns begleitet. Gerade dann, wenn ich nicht genau weiß, wie und wohin es weitergehen soll, dann folge ich einfach dieser Wolkensäule. Und ich weiß: Das ist der Weg in eine gute Zukunft. Wenn es mal wieder nicht so gut läuft, wenn Selbstzweifel an mir nagen, wenn mich ein Schicksalsschlag aus der Bahn wirft: Ein Blick auf diese Säule … und ich merke: Ich bin nicht allein. Gott geht voran. 

 

VI.

Gerade jetzt am Ende des Jahres frage ich mich: Wo war Gott in den vergangenen 12 Monaten in meinem Leben? Kann ich Spuren von ihm finden, wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke? Wo  hat er mich getragen, gehalten, getröstet?

Niemals weicht die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. 

Diese Worte der Bibel machen mir Mut. Wenn Gott bei den Israeliten war - 40 Jahre lang, Tag und Nacht, in Sorgen und Nöten - dann ist er doch auch bei mir. Ich weiß nicht, wie es ausgeht, was mich sorgt und belastet. Ich weiß nicht, ob ich morgen noch da sein werde. Ich weiß nicht, wie ich die Krisen, die mir das Leben zumutet, durchstehe und wo ich dann sein werde und wer ich dann bin. Ich weiß ja nicht einmal, wie das Jahr 2021 werden wird, das schon morgen beginnt!

Aber ich glaube, hoffe und bete, dass Gott alles gut macht. Denn mein Glaube sagt mir: Gott ist da. Heute oder morgen. Gott ist immer da, wo seine Menschen sind.

 

VII.

Lassen wir uns von der Bibelgeschichte in unserem Glauben stärken. Und lassen Sie uns dieses angefangene Jahr fröhlich beenden und das neue zuversichtlich beginnen. Der Glaube daran, dass alles gut werden wird, ist in unser Herz gelegt. Der Optimismus gehört einfach zu unserem christlichen Glauben dazu! Christen haben immer einen Grund, fröhlich zu sein, selbst und der dunkelsten Stunde. Denn wir glauben daran, dass eines Tages alles gut werden wird. Wir glauben an das Happy End. Wer an Gott glaubt, an Jesus Christus glaubt, der lebt voller Hoffnung und Zuversicht. Der kann immer aufbrechen, neu beginnen, losgehen. Denn Gott geht mit.

Und so lasst uns zuversichtlich und leichtherzig wie Martin Luther in das neue Jahr 2021 gehen:

„Was kommt im neuen Jahr, kannst nit durchschauen, musst hoffen und auf Gott vertrauen.“

Amen

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