"Das Leben als Gottesdienst", Predigt über Röm 12,1-8

von Pfarrerin Laura Baumgart

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich's gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens.

4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,

5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.

6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß.

7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.

8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

(Übersetzung: Luther 2017)

 

I.

Was kannst du gut? Was kannst du so richtig gut? Was kannst du besser als alle anderen?

Diese Frage gilt es heute zu beantworten. Denn Paulus stellt sie uns in unserem heutigen Predigttext aus dem Römerbrief. Was kannst du gut?

Vielleicht geht es Ihnen gerade wie meiner Konfirmandengruppe, die auf diese Frage mit ungläubigen Blicken, Kopfschütteln und einem motzigen „boah neeee“ reagierten. Denn zumindest 14-Jährigen ist diese Frage irgendwie peinlich: Was kannst du gut? Viel einfacher fällt es ihnen, zu sagen, was sie nicht gut können: Mathe ist da recht hoch im Kurs. Schönschreiben bei den Jungen, Fußball bei den Mädchen. Was wir nicht können, wissen wir Menschen ziemlich genau. Denn wir bekommen es ja oft gezeigt: Die Lehrerin gibt uns die verhauene Mathearbeit zurück, die Eltern motzen „Deine Schrift kann echt niemand lesen“, auf dem Sportplatz werden wir ausgelacht, weil wir über den Ball stolpern. Vieles im Leben fällt uns nicht leicht und wir müssen viel Zeit in die Dinge investieren, die wir nicht können.

Was kannst du gar nicht gut? Das ist eine einfache Frage, die sich schnell beantworten lässt.

II.

Aber: Was kannst du gut? Das ist eine Frage, die uns die Röte ins Gesicht treibt…

Viel lieber erzählen wir dann von den Dingen, die wir zwar nicht können, die wir aber gut können wollen! Die Liste ist lang. Wir träumen davon zu kicken wie ein Profi. Wir träumen davon, so schlau zu sein wie Albert Einstein oder so toll singen zu können wie die Dame im Radio.

Leider geht es heute aber nicht darum, was wir nicht können oder was wir mal können wollen, sondern um die unbequeme Frage: Was kannst du gut?

Nach kurzem Nachdenken wird uns schnell klar klar: Die Antwort darauf muss gut formuliert sein, denn man will ja jetzt nicht angeben. Bescheiden muss es klingen. Maßvoll. Am besten spielen wir es noch ein bisschen runter, damit wirklich niemand denkt, man sei überheblich.

Warum muss dieser Paulus aber auch so unbequeme Fragen stellen!

III.

Die Frage taucht im Römerbrief auf. Paulus schreibt den Christen in Rom einen Absatz darüber, wie man seiner Ansicht nach Gott am besten dienen kann.

Gott dienen: In der Kirche ist das ein viel verwendeter Begriff, der sich im Wort „Gottesdienst“ niedergeschlagen hat. Aber wie ist das denn nun ganz praktisch zu verstehen, wollten die Römer wissen: Gott dienen, wie geht das genau?

Paulus antwortet auf ihre Frage so:

(Übersetzung: Basisbibel)

Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch: Stellt euren Leib ganz Gott zur Verfügung. Es soll wie ein lebendiges und heiliges Opfer sein, das ihm gefällt. Das wäre für euch die vernünftige Art, Gott zu dienen.

Gott dienen, hat also etwas mit Vernunft zu tun. Mit Besonnenheit. Es muss ein Denkprozess vorausgehen. Ich entscheide mich dazu, Gott zu dienen. Und für Paulus gibt es dabei nur einen Weg: Alles oder nichts. Wer Gott dienen will, soll sein ganzes Leben Gott zur Verfügung stellen. Das ist das lebendige und heilige Opfer, das wir Gott bringen können. Es ist unsere Art, Gott ein Zeichen zu geben, dass wir Gemeinschaft mit ihm suchen. Unsere Antwort auf seine Liebe heißt also: Stell dich Gott zur Verfügung mit Leib und Seele.

IV.

Paulus fährt fort:

Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was der Wille Gottes ist: Ob etwas gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.

Pass dich nicht an, schreibt Paulus: Verstell dich nicht, lass dich nicht beeinflussen, sei du selbst! Und wieder: Nutze deinen Verstand. Denk nach, denn: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“, so heißt es in einem anderen Buch der Bibel (Micha 6,8). Tief in dir drin weißt du längst, was Gott von dir möchte. Du weißt, was gut ist, ob es Gott gefällt und ob es vollkommen ist.

V.

Bei der Gnade, die Gott mir geschenkt hat, sage ich jedem Einzelnen von euch: Überschätzt euch nicht und traut euch nicht mehr zu, als angemessen ist. Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung. Und zwar jeder so, wie Gott es für ihn bestimmt hat – und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht.

Angeben und übertreiben, protzen und prahlen und sich selbst überschätzen – das hat mit Vernunft nichts zu tun. Nutze den Verstand, den der liebe Gott dir gegeben hat und prüfe deine Fähigkeiten. „Nüchterne Selbsteinschätzung“ nennt Paulus dies, eine von Gott geschenkte Gabe.

VI.

Es ist wie bei unserem Körper: Der eine Leib besteht aus vielen Gliedern, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Aufgabe.

Genauso bilden wir vielen Menschen, die zu Christus gehören, miteinander einen Leib. Aber einzeln betrachtet sind wir wie unterschiedliche und doch zusammengehörende Körperteile.

Ein Leib, viele Glieder: Ein berühmtes Wort von Paulus, das er an anderer Stelle im Römerbrief noch weiter ausführt. Mit seinem Beispiel zeigt er nun auf, dass „Gott dienen“ nicht eine Einzelaufgabe ist, auch wenn das bisher vielleicht so klang. Gott dienen ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Teamwork.

VII.

Wir haben verschiedene Gaben, je nachdem, was Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat:

Wenn jemand die Gabe hat, als Prophet zu reden, soll er das in Übereinstimmung mit dem Glauben tun.

Wenn jemand die Gabe hat, der Gemeinde zu dienen, soll er ihr diesen Dienst leisten.

Wenn jemand die Gabe hat zu lehren, soll er als Lehrer wirken.

Wenn jemand die Gabe hat zu ermutigen, soll er Mut machen.

Wer etwas gibt, soll das ohne Hintergedanken tun.

Wer für die Gemeinde sorgt, soll sich voll für sie einsetzen.

Wer sich um die Notleidenden kümmert, soll Freude daran haben.

Was kannst du gut? Kannst du gut unterrichten? Dann unterrichte. Kannst du anderen gut Mut machen? Dann werde Mutmacher.

Mach das, was du gut machst. Und mach es für andere. Für die Gemeinschaft, für die Gemeinde.

Denn das, was du gut kannst, hat zwei Vorteile für dich und für die anderen. Erstens: Wer etwas gut macht, macht es ohne Hintergedanken. Und zweitens: wer etwas gut macht, der macht es gerne. Bleiben wir bei Paulus‘ letztem Beispiel: Wer sich um die Notleidenden kümmert, soll Freude daran haben. Es soll sich also nicht gar jeder in der Gemeinschaft um die Notleidenden kümmern. Es gibt genug andere Aufgaben. Aber der, der sich um die Alten und Kranken kümmert, dem soll das leicht fallen, der soll das richtig gut machen (besser als alle anderen) und der wird das dann auch ohne jeden Hintergedanken tun. Es bringt weder dir noch der Gemeinde etwas, wenn du diese Aufgabe übernimmst, obwohl du daran keinen Spaß hast, dich davor scheust oder schlechte Gedanken in dir aufsteigen.

Finde heraus, was du gut kannst und gerne machst, und dann mache genau das.

VIII.

Ich finde Paulus hier sehr modern. Zu biblischen Zeiten war es zumindest gesellschaftlich gerade nicht so, dass man das machen konnte, was man wollte. Man wurde in eine gesellschaftliche Schicht hineingeboren, die bestimmte Privilegien und Rechte hatte. Man ergriff in der Regel den Beruf des Vaters und heiratete standesgemäß. Das ganze Leben war im Grunde vorherbestimmt. Im Leben der Gemeinde sind für Paulus diese Grenzen gesprengt. Auch hier hat jeder seinen festen Platz, aber dieser wird nicht von den gesellschaftlichen Konventionen, sondern von Gott festgelegt, der jedem Gläubigen unterschiedliche Voraussetzungen schenkt.

IX.

Gerade zu Beginn unseres neuen Jahres 2021 stimmt mich dieser Text allerdings auch etwas traurig. Die paulinische Vision der Gemeinde lässt sich in den vergangenen Monaten in unserer Kirchengemeinde nicht umsetzen. Kontaktverbot. Abstandsregeln. Absage aller Veranstaltungen (und zwischenzeitlich sogar Absage aller Gottesdienste). Bräuchte es nicht gerade in diesen Zeiten diese Nähe, diesen Zusammenhalt, von denen Paulus schreibt? Ein Leib, viele Glieder. Lebendiger, heiliger, vernünftiger Gottesdienst.

Corona stellt uns vor große Herausforderungen. Wir sagen uns immer: Wir halten durch, wir machen das beste daraus. Viel Zeit und Mühe investieren wir Pfarrerinnen mit dem Kirchenvorstand darin, trotz allem Gemeinde zu bleiben. Und das fällt keinem leicht. Und niemand macht es gerne. Mit viel Gottvertrauen steuern wir unsere Kirchengemeinde durch ein gewaltiges Unwetter.

Aber Sie sind hier. Sie halten mit uns durch, kommen trotzdem. Besuchen die Gottesdienste, schauen die Videos, lesen den Gemeindebrief. Und das finde ich so fantastisch, dass Ihnen dafür ein großes Lob gebührt.

X.

Die Kirche Jesu Christi ist in den vergangenen Jahren und Jahrhunderten durch so manche Krise geschlittert, hat Stürme überstanden und so manchen Krieg erlebt. Und doch stand sie felsenfest, wie ein Fels in der Brandung, wie eine uneinnehmbare Burg. Denn an die Kirche Jesu Christi kommt so schnell niemand heran. Mächte und Herrschaften haben gewechselt, Könige kamen und gingen, Ideologien versetzten die Welt in so manchen Rausch. Doch die Kirche blieb. Und damit ist nicht unsere Landeskirche und nicht die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) gemeint. Sondern die unsichtbare, die geglaubte, die geistliche Kirche, in der der Geist Gottes lebt und wirkt.

Die Kirche Jesu Christi lebt, weil Menschen, die an Jesus Christus glauben, zu allen Zeiten ihr Leben Gott zur Verfügung gestellt haben. Weil sie sich, wie Paulus, dazu entschieden haben, Gott zu dienen mit den Gaben, die sie von ihm empfangen haben.
Was kannst du gut? Beantworte diese Frage: ehrlich, offen und nüchtern. Und wenn du die Antwort weißt, dann beginne deinen Gottesdienst. Amen.

 

Guter Gott,
erneuere meinen Sinn, damit ich das Gute, das Du willst, erkenne,
gib mir die Kraft, das Gute auch zu tun,
bewahre mich vor falscher Anpassung an den Zeitgeist,
hilf mir zu besonnener Selbsteinschätzung
steh mir mit Deinem guten Geist bei in allem,
was ich rede oder tue.
Das bitte ich Dich in Jesu Namen.
AMEN

(Gebet von Pastor Dr. Christian Bogislav Burandt)

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