Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag (25.12.21)

von Pfarrerin Laura Baumgart

I.

Vom Himmel hoch, da komm ich her…

Liebe Schwestern und liebe Brüder in Christus,

die Weihnachtsgeschichte würde ohne den Himmel gar nicht funktionieren. Zwar wird Jesus auf der Erde geboren, aber ohne die vielen Wegweiser vom Himmel hätte wohl niemand davon etwas erfahren. Die Welt wäre im Dunkeln geblieben. Es brauchte den Himmel, um die frohe Botschaft wie ein helles Licht in die Welt hinauszutragen!

Zuerst bekommen Maria und Josef Besuch von einem Engel, dann die einfachen Hirten, die ihre Schafe hüten. Ein Engel spricht zu ihnen. Und bei den Hirten singt der ganze Himmel, der gefüllt ist mit unzähligen Engeln, ein Lob Gottes: Gloria in excelsis deo. Ohne diese Zeichen vom Himmel hätten die Hirten den Stall niemals entdeckt. Sie hätten sich nicht auf den Weg gemacht, sie hätten Jesus nicht gefunden.

Auch die Heiligen 3 Könige verlassen sich auf ein Himmelszeichen. Während sie den nächtlichen Himmel erforschen, sehen sie ihn, diesen einen besonderen Stern. Und sie wissen, dass sie etwas Großartiges entdeckt hatten. Ja, dass dieser Stern ein Zeichen war für die Geburt eines Königs. Doch nicht irgendein König sollte das Licht der Welt erblicken. Es war vielmehr ein König, der auch ihr Leben, ihre Geschichte für immer verändern würde. Und so zogen sie los, um den neugeborenen König zu finden und anzubeten.  

 

II.

Ohne den Himmel würde die Weihnachtsgeschichte nicht funktionieren. Seit Anbeginn der Zeiten schauen wir Menschen nach oben, zum Himmel. Der Himmel übt eine magische Anziehungskraft aus. Bei Tag beobachten wir die Wolken und die Vögelchen, bei Nacht beobachten wir die Sterne und den Mond. Die Astronomen tun dies jeden Tag, um die Himmelskörper zu erforschen und die Ursprünge des Universums tief in der Vergangenheit zu ergründen. Die Astrologen versuchen, aus den Sternenkonstellationen die Zukunft zu deuten. Wetterforscher schauen, wie die Wolken ziehen. Und wir alle sind fasziniert von dem Spiel der Farben des Himmels, das sich besonders morgens und abends zeigt.

Der Himmel bringt Menschen zum Staunen. Besonders der Sternenhimmel zeigt uns, wie klein wir wirklich sind. Im Vergleich mit den unendlichen Weiten des Universums ist unsere kleine Erdkugel nur ein Staubkorn im All. Und wir Menschen sind fast nichts.

Und doch wissen wir: Da oben im Himmel gibt es jemanden, der mit uns, mit dir und mir, in Kontakt treten will. Die Bibel erzählt es uns, der Glaube beweist es uns. Mit uns unscheinbar winzigen Wesen will der ganze Himmel Kontakt aufnehmen. An Weihnachten hören wir sogar: Da oben im Himmel gibt es jemanden, der selbst ein Mensch werden wollte! Der die unendlichen Weiten des Himmels verlassen hat, um kleiner als ein Staubkorn zu werden – nur um bei seinen geliebten Menschen sein zu können. Und als er geboren wurde, da hat der ganze Himmel geleuchtet und die Himmelsbewohner kamen herab auf die Erde und die ganze Schöpfung sang das Lied vom Frieden auf der Welt und zur Ehre Gottes: Gloria in excelsis deo!

 

III.

Vom Himmel hoch, da komm ich her… Ich finde: Die Hirten und die Heiligen 3 Könige hatten es gut. Sie bekamen ganz eindeutig erkennbare Zeichen von Gott, wohin sie gehen sollten. Sie machten sich auf den Weg und fanden das Kind in der Krippe.

Viele von uns hoffen und beten dagegen scheinbar vergeblich auf ein Zeichen des Himmels. Auf der Suche nach Sinn und Ziel, nach Antworten und Bestätigung richten wir unseren Blick nach oben und fragen in die unendlichen Weiten hinein: Soll ich mich auf die neue Stelle bewerben? Wird meine Ehe auch in schweren Zeiten Bestand haben? Werde ich eines Tages glücklich sein? Wir wünschen uns ein kleines Zeichen, ein kleines Signal, ein kleines Licht aus dem Himmel, das uns den Weg durch das Leben weist. Die Hirten hatten die Engel, die Könige hatten den Stern. Was haben wir?

 

IV.

Vom Himmel hoch, da komm ich her… Die Weihnachtsgeschichte ist lange her. Wir leben viele Jahre nach dem ersten Weihnachten, genauer gesagt: 2021 Jahre später. Die Geschichte teilt sich seitdem ein: in die Zeit vor Weihnachten / vor Christus und in die Zeit nach Weihnachten / nach Christus.

Im ganz kleinen Maßstab teilt jedes Weihnachten sogar heute noch unsere Zeitrechnung ein: In den 24 Tagen vor Weihnachten / vor Christus sind wir im Stress, für alle die richtigen Geschenke zu finden, das passende Menü auszuwählen, die Wohnung zu schmücken und alles vorzubereiten – um dann ein möglichst besinnliches Weihnachtsfest zu feiern. Nach Weihnachten / nach Christus legt sich der Stress schnell wieder. Der wunderschöne Tannenbaum verlässt das Wohnzimmer und der Alltag kehrt langsam wieder ein.

 

V.

Auch für die Hirten und die Heiligen 3 Könige war die Heilige Nacht der Höhepunkt ihrer Reise. Im Anschluss an den Geburtstagsbesuch im Stall kehrten die Hirten zu ihren Schafen zurück und die Könige machten sich auf die Heimreise. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. Doch ich denke, dass sie alle auf ihrem Rückweg große Fragen in sich trugen: Wie wird es nach solch einem bedeutsamen Erlebnis weitergehen? Geht das Leben nach der Begegnung im Stall wieder seinen gewohnten Weg? Läuft alles wieder in alten Bahnen und nehmen wir unsere alten Routinen und gewohnten Abläufe wieder auf? Wäre das nicht traurig?

Von den Heiligen 3 Königen wissen wir, dass sich zumindest eine Sache in ihrem Leben geändert hat. Sie entscheiden sich für einen neuen Weg nach Hause. Sie gehen nicht den, auf dem sie gekommen sind. In einem Traum sagt Gott ihnen, dass sie nicht zu Herodes zurückkehren sollen. Also gehen sie einen anderen Weg in ihre Heimat zurück. Sie hatten den Mut, einen alten, bekannten Pfad zu verlassen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Ihr Leben hatte damit eine Wendung genommen. Für sie gab es die Zeit vor Weihnachten / vor Christus und die Zeit nach Weihnachten / nach Christus.

 

VI.

Sicherlich kennen Sie den süßen Kindervers: „…und wenn das 5. Lichtlein brennt, dann hast du Weihnachten verpennt.“ Aber wenn wir die himmlischen Zeichen richtig deuten und Weihnachten als Wendepunkt verstehen, dann ist nach Weihnachten gar nicht alles vorbei, sondern dann geht es im Grunde erst richtig los. Wenn wir ganz bewusst unsere Lebenszeit einteilen in die Zeit vor und nach Weihnachten, vor und nach Christus, dann eröffnet sich für uns eine ganz neue Perspektive auf das Leben.

Vor Weihnachten / vor Christus sehen wir nur die Dinge, die auf Augenhöhe sind: Probleme, Herausforderungen, Begrenzungen, offene Fragen.

Doch an Weihnachten eröffnet sich für uns ein neuer Blickwinkel und wir sehen die Zeichen, die der Himmel uns schickt. Wir schauen weg von uns und sehen hin zu Gott. Wir blicken hinauf zum Himmel und erkennen Gottes Größe, Gottes Liebe, Gottes Güte für uns Menschen, eine Schönheit und seine unbegrenzten Möglichkeiten.

Wie beantworten wir danach die großen Fragen: Wie wird es nach solch einem bedeutsamen Erlebnis weitergehen? Geht das Leben nach der Begegnung im Stall wieder seinen gewohnten Weg? Läuft alles wieder in alten Bahnen und nehmen wir unsere alten Routinen und gewohnten Abläufe wieder auf? Wäre das nicht traurig?

Weihnachten ist die große Chance, unser Leben neu auszurichten, mit alten Gewohnheiten endgültig aufzuräumen und eine göttliche Sicht auf die Dinge zu bekommen. Denn in der Begegnung mit Jesus treten wir in Beziehung zu Gott und fangen an, die Welt aus Gottes Augen zu sehen. Und wenn wir diese Perspektive, die göttliche Perspektive einnehmen, verstehen wir, was an Weihnachten wirklich geschah: Das Christuskind kam in die Welt. Gott selbst kam in unsere Welt, in deine und in meine. Gott will ganz nah bei uns sein, bei uns unvollkommenen und unwichtigen Staubkörnern im riesigen Universum will er leben, will sein Leben mit uns teilen. Jesus wird geboren - und der ganze Himmel leuchtet, die Himmelsbewohner kommen herab auf die Erde und die ganze Schöpfung singt das Lied vom Frieden auf der Welt und zur Ehre Gottes: Gloria in excelsis deo!

 

VII.

Das Zeichen vom Himmel, auf das wir warten und nach dem wir so oft fragen, ist längst da. An Weihnachten steht Jesus selbst vor der Tür und klopft bei uns an, will Einlass in unsere Herzen. Die Frage ist nur: Nehmen wir diese wunderbare Chance an und machen wir ihm auf?

Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten und wünsche Ihnen, dass dieses Weihnachten bei Ihnen der Beginn einer neuen Zeitrechnung ist. Gloria in excelsis deo!

Amen.

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