Predigt zum neuen Jahr 2022

von Pfarrerin Laura Baumgart

 

I.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Da ist es nun: Das neue Jahr. Es ist der 1. Januar 2022. Wie aufregend! Ein neues Jahr - das bedeutet: Man kann manches hinter sich lassen und mit manchem ganz von vorne beginnen.

Der bis an den Rand gefüllte Kalender von 2021 ist nun geschlossen. Der schöne neue Kalender für 2022 liegt vor uns, mit noch vielen leeren Seiten.

Wir wissen nicht, was dieses Jahr bringt - nicht politisch, nicht finanziell, nicht privat. Träume und Pläne, ja, die haben wir. Und Ideen, wie das Jahr werden könnte und was wir erleben werden: Ein schöner Urlaub, ein Umbau am Haus, Veränderungen im Beruf. Aber wird das alles so kommen?

Früher sagte man einschränkend zu solchen Plänen „So Gott will und wir leben“. Das finde ich sehr schön. „So Gott will und wir leben“ fahren wir ans Mittelmeer, „so Gott will und wir leben“ bauen wir um. Aber vielleicht kommt eben auch alles ganz anders. Man legt sich nicht so ganz fest, denn man weiß: Das Leben liegt in Gottes Hand. Und das ist die eine Konstante, die wir im Leben wirklich haben. Gott. Gott, der uns vom ersten Moment unseres Lebens an begleitet hat und auch im Jahr 2021 da war, er bleibt bei uns auch im neuen Jahr 2022. Das ist das einzige, was wir wirklich über das neue Jahr wissen, ist: Dass Gott mit uns geht.

 

II.

Am Anfang des Jahres blicken wir zurück in den Anfang der Bibel und damit in den Anfang der Weltgeschichte. (1 Mose 1)

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Ganz am Anfang, am allerersten Tag der Weltgeschichte unterschied Gott zuallererst zwischen Licht und Finsternis, hell und dunkel, Tag und Nacht.

Das Licht steht also zu Beginn des Lebens, zum Anfang der ganzen Schöpfung, denn das Licht bedingt das Leben. Ohne Licht ist Leben nicht möglich.

Die Finsternis, also die Abwesenheit von Licht, kann das Böse schlechthin sein. Wenn es dunkel um uns herum ist, haben wir Angst. Und wenn dunkel in uns ist, fühlen wir uns leer und einsam. Da kann ein kleiner Funken, ein kleines Lichtlein schon helfen. Denn es braucht nur dieses eine kleine Licht, um das große Dunkel zu erhellen.

Erst durch die Unterscheidung von hell und dunkel, Licht und Finsternis, Tag und Nacht, wird uns die Wahrnehmung von Licht möglich. Erst im Kontrast erkennen wir Licht und Finsternis, Helles und Dunkles, Glück und Traurigkeit. Nur wer die Nacht kennt, weiß um die Bedeutung des Lichts.

 

III.

Doch nicht nur das Alte Testament, die Schöpfungsgeschichte, geht mit dem Licht los, sondern auch das Neue Testament. Der Evangelist Johannes beginnt sein Evangelium mit den Worten (Joh 1):

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Doch es geht bei ihm nicht wie im Alten Testament über den Beginn der Weltgeschichte, sondern es geht bei ihm um den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das Licht, von dem Johannes schrieb, kam in einer dunklen Weihnachtsnacht im Stall von Bethlehem zur Welt. Das Licht wurde Mensch. Gott selbst wurde Mensch und lebte etwa 33 Jahre auf der Erde. In seinem Leben machte Jesus es sich zur Aufgabe, besonders den Menschen zu begegnen, die von Finsternis umgeben waren. Denen, die sich nach neuer Hoffnung sehnten. Es zog ihn zu den Menschen hin, denen nicht viel Leben und Licht zuteilwurde. Zu Randgruppen. Zu Ausgestoßenen. Zu Kranken. Zu Menschen, um die der Rest der damaligen Gesellschaft einen großen Bogen machte.

Jesus sagte: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh 6,37)

Diesen Menschen, denen Jesus begegnete, wurde er zum Licht. Er begegnete ihnen mit Liebe und Annahme und verbrachte gerne Zeit mit ihnen. Viele heilte er. Anderen vergab er ihre Schuld. Er sprach ihnen neuen Wert zu und er lehrte sie, was es bedeutete, mit diesem Licht zu leben.

Für den Evangelisten Johannes war klar: Jesus ist das Licht, das der Ursprung des Lebens selbst ist. Jesus ist das Licht, aus dem alles entstanden ist. Jesus ist das Licht, das zum Leben notwendig ist und das für immer besteht. Jesus selbst hat diese Annahme bestätigt, als er sagte: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)

 

IV.

Am Anfang des neuen Jahres blicken wir zurück, auf das was war, aber wir blicken auch voraus und fragen uns: Wie kann das neue Jahr gelingen? Was kann ich tun, was kann ich beitragen, woran kann ich mich orientieren? Ich glaube, dass wir gut daran tun, im Jahr 2022 dem Licht der Welt nachzufolgen. Denn „wer Jesus nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“. Jesus ist das Licht der Welt - und jeder, der ihm nachfolgt, wird selbst zum Licht für die Welt. Der Glaube an Jesus ist ein Funke, der überspringt und eine helle Flamme in unserem Herzen entzündet. Mit Jesu Tod ist das Licht der Welt nicht erloschen, sondern es brennt weiter, lichterloh in den vielen Menschen, die ihm nachfolgen.

Es liegt an uns, die Finsternis der Welt zu vertreiben. Es ist viel zu viel Böses, zu viel Streit, zu viel Hass und Gewalt in der Welt. Doch die Menschen, die in dieser Finsternis leben, können wir als Nachfolger von Jesus Christus mit flammenden Herzen begegnen, und damit werden wir ihnen zum Licht. Wie Jesus können wir ihnen mit Liebe und Annahme begegnen und gerne Zeit mit ihnen verbringen. Wie Jesus können wir verwundete Seelen heilen. Wie Jesus können wir Schuld vergeben. Wir können anderen neuen Wert zusprechen und sogar anderen beibringen, was es bedeutet, mit diesem Licht zu leben.

Nicht umsonst sagt die schöne Redewendung: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Das Lichtlein, das sind wir, die Brüder und Schwestern im Glauben an den einen Herrn, Jesus Christus.

 

V.

Am Anfang des neuen Jahres tun wir gut daran, dem Licht der Welt nachzufolgen und selbst zum Licht der Welt zu werden. Und dazu wird uns als Wegweiser eine neue Jahreslosung geschenkt - ein Bibelvers, der uns die kommenden 365 Tage begleiten soll. Für dieses Jahr wurde als Jahreslosung auserwählt: „Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh 6,37) Möge uns dies den Weg durch das Jahr 2022 weisen und mögen wir diesen Vers in unseren Herzen bewahren: Das Licht von Jesus Christus leuchtet für jeden Menschen, der zu ihm kommt und ihm nachfolgt. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, dem Jesus sein Licht verweigert. Es gibt nur eine Bedingung, eine Unterscheidung, eine Klarstellung: Man bekommt das Licht, das Leben nicht einfach so. Man muss sich schon auf den Weg zu Jesus machen. Man darf nicht untätig drauf warten, dass das Licht zu scheinen beginnt – sondern man muss etwas dafür tun. Aber jeder, der dies tut, der sich auf diesen Weg begibt, wird nicht abgewiesen: Kein Mensch ist zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu arm, zu reich, zu wichtig oder zu unwichtig für Jesus Christus, kein Mensch hat eine falsche Haut- oder Augenfarbe, die falsche politische Einstellung oder einen falschen Lebensstil. Wer sich auf den Weg zu Jesus macht, wird nicht abgewiesen.  „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Ich bin das Licht der Welt. JEDER, der mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Jesus Christus ist das Licht der Welt und er ist uns von Gott gegeben. Er ist unser Halt in dieser Welt. Er ist uns Wegweiser und Begleiter, er ist Anfang und Ende. Er ist das gestern, er ist das heute, er ist das morgen. Er ist es, der da war, der da ist und der da kommt. In Ewigkeit.

Amen.

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