Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

was macht eigentlich die Faszination von Weihnachten und insbesondere des Heiligen Abends aus – alle Jahre wieder, bei Jung und Alt, über Jahrhunderte hinweg?

Ich denke, es ist nicht nur die Stimmung: die vielen Lichter, der geschmückte Tannenbaum, die altbekannten und wohlvertrauten Melodien. Sondern ich denke, es sind auch und vor allem drei Worte – drei Worte, die untrennbar mit dem Weihnachtsfest und insbesondere mit dem Heiligen Abend verbunden sind. Vielleicht denkt der eine oder die andere von Ihnen jetzt an die Worte „Fürchtet euch nicht!“. Und das aus gutem Grund. Diese drei Worte stehen mitten in der Weihnachtsgeschichte. Es sind die Worte, mit denen der Engel seine Freudenbotschaft von der Geburt des Heilands einleitet. Und vielleicht sind diese drei Worte in diesem Jahr besonders wichtig. Denn viele Menschen haben gerade jetzt Angst – Angst vor einem Virus, Angst um einen geliebten Menschen, Angst vor der Zukunft, Angst um die eigene Existenz, Angst vor dem Alleinsein.

Und dennoch denke ich, dass nicht diese drei Worte die Faszination des Heiligen Abends ausmachen. Denn um die Worte „Fürchtet euch nicht!“ zu hören, um sie ganz persönlich zugesprochen zu bekommen, dafür muss ich nicht das ganze Jahr lang warten, dafür muss es nicht erst Weihnachten werden. Denn in der Bibel sind diese drei Worte genau 365mal zu finden. Und das bedeutet: Ich kann sie an jedem Tag des Jahres hören, ich kann sie mir jeden Tag neu zusprechen lassen. Doch welche drei anderen Worte könnten es dann sein?

Es sind für mich die drei Worte „Gott wird Mensch“. Diese drei Worte sind die Kurzfassung dessen, was an Weihnachten, was an jenem ersten Weihnachten vor rund 2000 Jahren geschehen ist. Da ist Gott in jenem Kind in der Krippe, in Jesus von Nazareth Mensch geworden. Doch warum sollte davon eine solche Faszination ausgehen – alle Jahre wieder, bei Jung und Alt, über Jahrhunderte hinweg?

Weihnachten hat viel mit Gefühl und Gefühlen zu tun. Weihnachten wird weniger verstanden als vielmehr gefühlt. Viele Menschen müssen Weihnachten nicht unbedingt verstehen, aber sie wollen es fühlen, sie möchten es spüren. Die drei Worte „Gott wird Mensch“ haben ganz viel mit Gefühl zu tun. Denn diese drei Worte bedeuten: Gott bekommt ein Gefühl, er bekommt ein Gespür für uns Menschen. Er wird geboren. Er ist auf Fürsorge und Zuwendung, auf Essen und Trinken, auf Kleidung und das tägliche Brot angewiesen. Er muss lernen – lernen zu laufen und zu sprechen, lernen für das Leben und einen Beruf. Er erfährt Zuneigung und Freundschaft, Anerkennung und Bewunderung. Er hat Erfolg. Ebenso wird er aber auch angefeindet. Er muss mit Niederlagen und Enttäuschungen, Angst und Schmerz, Einsamkeit und Verlassenheit umgehen. Er liebt und er leidet und schließlich stirbt er. Kurz: Er fühlt, was es heißt, Mensch zu sein. Und er fühlt auch, dass dies gar nicht so leicht ist.

Es ist sogar eine echte Herausforderung, Mensch zu sein. Dieses Leben in Spannung – zwischen geboren werden und sterben, „himmelhochjauchzend“ und „zu Tode betrübt“, Freude und Leid, Glück und Unglück, Vergebung und Schuld, Zuversicht und Verzagtheit. Doch zwischen diesem allen bewegt sich unser Leben. Und das ist eine echte Herausforderung. Jeden Tag neu.

An Weihnachten hat Gott ein Gefühl dafür bekommen. An Weihnachten hat Gott ein Gespür für uns Menschen bekommen. Wir sind seither nicht mehr allein mit unserem Menschsein. Wir müssen diese Spannung, in der sich menschliches Leben bewegt, nicht mehr allein aushalten. Es ist jemand da, mit dem wir darüber sprechen können – einer, der weiß, wovon wir reden, wenn wir mit ihm sprechen. Einer, der weiß, wie sich unser Menschsein anfühlt und der es mit uns aushält. Und einer, von dem wir lernen können. Einer, von dem wir lernen können, wie unser Menschsein gelingen kann. Von dem wir lernen können, Mensch zu sein und vor allem: Mensch zu bleiben. Denn das fällt uns manchmal schwer. Das gelingt uns nicht immer. Manchmal scheitern wir regelrecht daran.

Gott wird Mensch – in dem Kind in der Krippe, in Jesus von Nazareth. In ihm bekommt Gott ein Gefühl, in ihm bekommt er ein Gespür für uns Menschen. Doch Jesus hat nicht nur sich selbst gespürt, nicht nur sein eigenes Menschsein. Jesus hatte auch ein Gespür für andere. Er wusste: Die anderen haben auch ein Herz. Sie fühlen ebenso wie ich selbst. Auch sie haben Angst und Sorgen, empfinden Freude und Glück. Sie lieben und sie leiden – wie ich selbst. Vermutlich wollen sie mir erst einmal nichts Böses, auch wenn es bisweilen so aussieht. Sondern sie wollen auch nur irgendwie durchs Leben kommen, sich darin behaupten, nicht ganz und gar untergehen, das Menschsein mit all seinen Spannungen und Herausforderungen irgendwie meistern. Jesus wusste das. Und wer das weiß, wer ein Gefühl, ein Gespür für den anderen hat, der hat einen Vorteil: Er kann aufpassen – aufpassen, dass er nicht Gleiches mit Gleichem vergilt, dass er nicht mit gleicher Münze zurückzahlt. Er kann zum Beispiel erst einmal tief Luft holen. Vielleicht hat Jesus das genauso gemacht, wenn angegriffen und angefeindet wurde. Er hat tief Luft geholt und sich gesagt: „Ich will jetzt nicht auch so antworten. Ich will jetzt nicht auch laut oder zornig werden. Sondern ich will einem anderen Geist in mir Raum geben. Mit Gottes Hilfe.“ Denn allein geht das nicht. Allein schafft „Mensch“ das nicht. Und erst dann hat Jesus gehandelt. Erst dann hat er geantwortet.

Wir Menschen können auch anders. Das sehen wir an Jesus. Das haben wir selbst schon erlebt – an uns selbst und an anderen. Wir müssen nicht böse, ungerecht, nachtragend oder streitsüchtig sein. Wir können auch anders – an der Arbeit ebenso wie im Verein, unter Nachbarn ebenso wie in der Familie. Vor allem können wir für unsere Fehler um Verzeihung bitten und anderen für ihre Fehler Verzeihung gewähren. Vielleicht ist das das Menschlichste, was es überhaupt gibt: Einander um Vergebung bitten und einander vergeben. Im Namen Gottes.

Gott wird Mensch – in dem Kind in der Krippe, in Jesus von Nazareth. In ihm bekommt Gott ein Gefühl, in ihm bekommt er ein Gespür für uns Menschen. Und dass es nicht leicht ist mit dem Menschsein. Nicht leicht, aber doch möglich. Immer wieder möglich. Auch für uns. Indem wir ein Gespür füreinander bekommen.

Ein Gespür füreinander bekommen: Gott für uns. Wir für Gott. Wir Menschen füreinander – das ist faszinierend. Davon geht eine Faszination aus – alle Jahre wieder, bei Jung und Alt, über Jahrhunderte hinweg. An Weihnachten und darüber hinaus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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