Predigt (Mt 11,25-30)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums:

25 Jesus sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.

26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort hören und aus ihm leben lernen. Amen.

Liebe Gemeinde,

am vergangenen Dienstag haben unsere neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden mit dem Unterricht begonnen, wenngleich die „alten“ Konfirmandinnen und Konfirmanden aufgrund der Corona-Krise noch immer auf ihre Konfirmation warten. Und so hoffe ich für die einen, dass Sie ihr Konfirmandenjahr bald mit einem schönen und feierlichen Konfirmationsgottesdienst abschließen können, und für die anderen, dass ein gutes und einigermaßen „normales“ Konfirmandenjahr vor ihnen liegt.

Eine Sache wird jedoch auch den neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht sonderlich gefallen: das Auswendigkernen von Vater unser und Glaubensbekenntnis, von 10 Geboten und Psalm 23. Gerade Psalm 23 hat es in sich. Martin Luthers Übersetzung ist zwar unübertroffen schön, enthält aber auch so manchen Stolperstein, z.B. die Worte „er erquicket meine Seele“. Ich vermute, das Wort „erquicken“ hat kein Konfirmand bislang in den Mund genommen. Und dennoch weiß jeder, wie sich „Erquickung“ anfühlt. Wenn man nach dem Sport oder nach einer langen Wanderung unter der Dusche steht, dann ist das Erquickung. Oder wenn man an einem heißen Sommertag ein kühles Eis genießt, dann ist das Erquickung. Wer erquickt wird, der ist erfrischt. Der fühlt sich wieder lebendig. Für den kann das Leben wieder weitergehen.

Im heutigen Predigttext aus dem 11. Kapitel des Matthäusevangeliums geht es auch um „Erquickung“. Jesus sagt: „Ich will euch erquicken.“ Und er sagt dies zu allen – zu allen, die „mühselig und beladen“ sind. Die lädt er ein, zu ihm zu kommen und sich von ihm erquicken zu lassen. Doch wer sind eigentlich die „Mühseligen und Beladenen“? Wer soll und darf zu Jesus kommen?

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Als Jesus diese Worte gesagt hat, saßen vermutlich Menschen um ihn herum, die müde waren von ihrer täglichen, in der Regel körperlich schweren Arbeit. Menschen, denen Arme, Beine und Schultern vom Tragen ihrer Lasten schmerzten. Heute werden uns viele Lasten durch technische Hilfsmittel abgenommen. Und dennoch sind auch heute viele Menschen „mühselig und beladen“ – sowohl alte als auch junge Menschen, sogar schon Kinder und Jugendliche, sowohl Kranke als auch Gesunde. Was wird uns Menschen heute zur Last? Auch wir können „mühselig und beladen“ sein von unserer Arbeit. Davon, dass wir zu viel zu tun und zu wenig an Freizeit haben. Genauso „mühselig und beladen“ können aber auch die sein, die keine Arbeit haben, die keine Energie und Kraft in sich spüren, denen sich keine Chance bietet und keine Gelegenheit, die sie beim Schopf ergreifen könnten, die ihre Zeit irgendwie totschlagen müssen. Wir können auch „mühselig und beladen“ sein mit einer Familie, in der nichts mehr stimmt, in der man sich nicht mehr versteht, in der die Liebe verschwunden ist. Genauso „mühselig und beladen“ können aber auch die sein, die keine Familie haben, die mit niemandem ihren Alltag teilen können, die allein sind, wenn es darauf ankommt.

Alles kann für uns zu einer Last werden: zu viel tun zu müssen und nichts mehr tun zu können, etwas zu haben und auf etwas verzichten zu müssen. Alles kann für uns zu einer Last werden, wenn es zur falschen Zeit kommt oder uns unerwartet trifft. Alles kann für uns zu einer Last werden, weil wir Menschen die Dinge unterschiedlich empfinden. Was der eine überhaupt nicht als Last wahrnimmt, darunter bricht der andere fast zusammen. Und auch an uns selbst können wir Menschen schwer tragen. Wir können mit uns selbst – mit unserer Art, unserem Geschick und unserer Geschichte – schwer beladen sein.

Das Wort „mühselig“ darf übrigens nicht falsch verstanden werden. Genauer gesagt: Es darf nicht an der falschen Stelle getrennt werden. Es besteht nicht aus „Mühe“ und „selig“. Beides gehört nicht zusammen. Mühe macht nicht selig. Durch Mühe wird man nicht selig. Das Wort „mühselig“ leitet sich von dem Wort „Mühsal“ ab. Etwas, das eine Mühsal, eine Anstrengung ist, das ist mühselig. Und wer „mühselig und beladen“ ist, wer angestrengt ist vom Leben und beladen mit dem, was das Leben ihm abverlangt, der soll zu Jesus kommen. Den will Jesus „erquicken“.

Doch wie macht Jesus das? Wie „erquickt“ er uns Menschen? Die Antwort, die er gibt, ist auf den ersten Blick irritierend. Denn in ihr ist viel von einem „Joch“ die Rede. Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Der Begriff „Joch“ stammt aus der bäuerlichen Welt und aus einer Zeit, in der Menschen und Tiere ohne technische Hilfsmittel schwer körperlich arbeiten mussten. Noch heute ist es in manchen Teilen der Welt im Einsatz, wenn Frauen mit einem Tragejoch auf den Schultern kostbares Wasser von der Wasserstelle in ihre oft kilometerweit entfernten Dörfer tragen. Oder wenn Ochsengespanne unter einem gemeinsamen Joch den Pflug übers Feld oder einen voll beladenen Wagen über Straßen und Wege ziehen. Feststeht: Ein Joch nimmt keinem die Last ab, aber es verteilt die Last besser. Bei einem gemeinsamen Joch kommt hinzu, dass die Last nicht nur besser verteilt, sondern auch auf mehrere aufgeteilt wird. Und am besten ist es, wenn im gemeinsamen Joch einer dabei ist, der weiß, wie es geht. Nicht umsonst haben Bauern früher einen erfahrenen Ochsen mit einem jungen zusammen eingespannt, damit der junge vom alten lerne.

Feststeht: Ein Joch nimmt keinem die Last ab. Auch Jesus nimmt keinem von uns einfach die Last. Aber er teilt unsere Last, unsere Lebenslast mit uns. Er trägt sie mit uns. Er lässt sich zusammen mit uns unter das Joch unseres Lebens einspannen. Und er kennt sich aus mit dem Leben – mit unserem Leben, mit seinen Lasten und Bewährungen. Jesus legt notfalls auch mit Hand an, um den Karren unseres Lebens aus dem Dreck zu ziehen. Dazu ist Jesus in unsere Welt hineingekommen: Um an unserer Seite zu stehen, um an unserer Seite durchs Leben zu gehen. Damit wir mit unserem Leben und den Lasten, die dazugehören, nicht alleine sind.

„Ich bin nicht allein – in und mit meinem Leben. Es ist jemand an meiner Seite.“ Das zu wissen, dessen gewiss zu sein, das bedeutet Erquickung. Denn das lässt aufatmen. Das lässt durchatmen. Das gibt neue Kraft. Das lässt das Leben – trotz seiner Mühen und Lasten – irgendwie weitergehen. „Ich bin nicht allein – in und mit meinem Leben. Es ist jemand an meiner Seite.“ So erquickt Jesus. So erquickt der „Gute Hirte“ aus Psalm 23. Und wenn unsere neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden das am Ende ihres Konfirmandenjahres verstanden, mit dem Herzen begriffen hätten, dann wäre alles erreicht.

Und der Friede Gott, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

 

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