Predigt (1. Kor 2,1-10)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1. Korintherbrief im 2. Kapitel:

Der Apostel Paulus schreibt den Christen in Korinth rückblickend über sein erstes Auftreten in ihrer Mitte:

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,

5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben. Amen.

Liebe Gemeinde,

eine Frau nimmt an einem Bildervortrag über Malaysia teil. Sie erfährt von der kulturellen und religiösen Vielfalt des Landes und sieht Bilder von imposanten hinduistischen Tempeln und nicht weniger prachtvollen islamischen Moscheen. Dann erscheint auch das Foto einer kleinen, schlichten christlichen Kirche. Die Frau denkt: „Im Vergleich dazu ist unser Christentum doch ganz schön erbärmlich.“

„Im Vergleich dazu ist unser Christentum doch ganz schön erbärmlich.“ Natürlich ist nicht jede Kirche ein kleines, schlichtes Holzhaus wie auf dem Foto aus Malaysia. Es gibt unzählige große, prachtvolle und alles anderes als erbärmliche Kirchenbauten – auch hier bei uns in Fulda. Was die Architektur anbelangt, muss sich das Christentum wirklich nicht verstecken. Und dennoch hat die Frau in gewisser Weise recht: „Im Vergleich dazu – im Vergleich zu den anderen Religionen – ist unser Christentum ganz schön erbärmlich.“ Denn das Christentum hat einen Hang zum Erbärmlichen, einen „Zug nach unten“ – in die Niedrigkeit, ins Elend. Denken wir nur an Weihnachten: Vor ein paar Wochen haben wir gefeiert, dass Gott Mensch geworden ist. Er ist sogar ein kleines Kind geworden. Und als ob das nicht schon genug wäre: Dieses Kind kommt auch noch in armseligen Verhältnissen zur Welt, in einem Stall: „Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Das ist schon ein sehr bescheidener Anfang. Das ist schon etwas erbärmlich. Und ebenso erbärmlich geht es weiter: In ein paar Wochen beginnt die Passionszeit – die Zeit, in der wir uns in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Gottes Weg durch diese Welt, der in einer Krippe beginnt, endet an einem Kreuz – elend, ohnmächtig, geschmäht, verachtet, allem Anschein nach gescheitert. Das ist dann wirklich erbärmlich.

Manchmal frage ich mich, wie das alles wohl auf einen Menschen wirkt, der noch nie etwas von Jesus Christus, dem menschgewordenen und schließlich am Kreuz gestorbenen Gottessohn, gehört hat. Auf einen Menschen, der nicht in einem christlichen Umfeld aufgewachsen und der nicht von christlichen Vorstellungen und Werten geprägt ist. Wie es wohl auf einen solchen Menschen wirkt, was wir da glauben. Wie dieser dem Christentum innewohnende Hang zum Erbärmlichen, dieser „Zug nach unten“ wohl auf ihn wirkt. Und manchmal wünsche ich mir, ich könnte das alles selbst noch einmal ganz neu auf mich wirken lassen. So wie die Menschen damals in Korinth, die durch den Apostel Paulus zum ersten Mal in ihrem Leben etwas von Jesus Christus, dem Gekreuzigten, gehört haben.

Die Stadt Korinth war zur Zeit des Paulus eine bedeutende Hafen- und Handelsstadt, ein Kreuzpunkt der Wege zwischen Ost und West. Dementsprechend bunt war ihre Bevölkerung. Sie bestand aus Griechen, Römern, Orientalen und Juden. Und sie alle hatten ihre Traditionen, Religionen und Kulte. Korinth war eine laute Stadt. Wer hier gehört werden wollte, der musste sich Gehör verschaffen können. Sowohl das, was jemand redete, als auch die Art und Weise, wie jemand redete, mussten der Rede und des Zuhörens wert sein. Neben den redegewandten und in ihrem Gebaren imposanten Philosophen auf den großen Plätzen der Stadt muss Paulus bei seinem Auftritt in Korinth nach eigenen Angaben ziemlich erbärmlich gewirkt haben: unauffällig in der Erscheinung, unsicher im Auftreten und ohne jede sprachliche Raffinesse und Brillanz. Und dann hatte er noch nicht einmal etwas über Glanz und Gloria zu erzählen, sondern über ein Kreuz – das Symbol des Scheiterns, der Verachtung und des Todes – und über einen Gekreuzigten. Heutzutage würde man sagen: Das Produkt war erbärmlich, die Vermarktung war erbärmlich und der Verkäufer war es auch. Kein Wunder also, dass Paulus bei den meisten seiner Zuhörer – Juden, Griechen, römischen und anderen Staatsbürgern – nicht nur auf verschlossene Ohren trifft, sondern auch noch Spott und Hohn erntet.

„Im Vergleich dazu – im Vergleich zu den anderen Religionen – ist unser Christentum ganz schön erbärmlich.“ Hätten Sie es manchmal auch gern ein wenig anders – das Christentum, unseren Glauben? Etwas prachtvoller, strahlender, heroischer? Ein bisschen mehr zum Angeben und zum Vorzeigen? Wer möchte schon gern einem nachfolgen, dessen Leben in einer Futterkrippe beginnt und der als vermeintlich gescheiterter Aufrührer an einem Kreuz endet? Objektiv betrachtet, ist es also alles andere als überraschend, dass die Botschaft vom Kreuz und vom Gekreuzigten auch heute vielfach auf verschlossene Ohren trifft oder aber Spott und Hohn erntet. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Kreuz-Anhänger gerade sehr beliebt sind. Denn auf jenen Kreuzen findet man in der Regel keinen Gekreuzigten. Es ist eben kein Leiden gefragt, sondern Ästhetik.

Nein, das Christentum ist keine Religion zum Angeben und zum Vorzeigen. Und auch die eigentliche Stärke unseres Glaubens macht ihn für viele Menschen nicht attraktiver. Nämlich die Botschaft, dass nur einer, der sich selbst in erbärmliche Verhältnisse hineinbegeben hat, überhaupt Erbarmen haben kann. Erbarmen mit uns Menschen. Die Botschaft, dass nur der, der selbst ganz und gar Mensch geworden ist, uns Menschen in unserer Erbärmlichkeit wirklich nahe sein kann – in unserer Niedrigkeit, unserem Elend, unserem Scheitern. Doch auch diese Stärke unseres Glaubens macht ihn für viele Menschen nicht attraktiver. Denn dann müsste man sich eingestehen, dass man Erbarmen braucht. Dass man jemanden braucht, der einem vergibt. Der einem die Last der Schuld von den Schultern nimmt und selber trägt. Das einzugestehen, fällt uns Menschen schwer. Denn ein solches Eingeständnis hat immer mit Ent-täuschung zu tun – mit Ent-täuschung über uns selbst. Ein solches Eingeständnis führt dazu, dass wir uns nicht länger über uns selbst täuschen können. Darüber, wie es tatsächlich um uns bestellt ist.

Andererseits habe ich den Eindruck, dass viele Menschen doch ein Gespür dafür haben, dass wir Menschen auf Erbarmen angewiesen sind. Allerdings treibt den heutigen Menschen eine andere Frage um als noch Martin Luther. Martin Luther fragte sich: „Wie kriege ich einen gnädigen, sich erbarmenden Gott?“ Der Mensch von heute stellt sich eher die Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen, sich erbarmenden Mitmenschen?“ Einen, der mich nicht in der Luft zerreißt, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Einen, der meine Schwächen nicht gnadenlos und zu seinem Vorteil ausnutzt. Einen, der nicht genüsslich dabei zuschaut, wie ich in mein Unglück und Verderben renne, wie ich scheitere. Sondern einen, der mich trotz meiner Erbärmlichkeiten als erbarmungswürdig betrachtet. Einen, der mir vergibt. Einen, der mich annimmt – so, wie ich bin.

Ich denke allerdings: Wir können keinen gnädigen Mitmenschen bekommen ohne einen gnädigen Gott. Denn ein Mensch kann nur zu einem gnädigen Mitmenschen werden, wenn er selbst Gnade erfahren hat und immer wieder neu erfährt. Von Gott. Ein Mensch kann nur zu einem gnädigen Mitmenschen werden, wenn er selbst die Erfahrung gemacht hat und immer wieder neu machen kann, dass er trotz aller Erbärmlichkeit, trotz aller Fehler und Schwächen als erbarmungswürdig angesehen wird. Von Gott. Wenn ihm selbst Schuld vergeben wurde und immer neu vergeben wird. Von Gott. Wenn er selbst erfahren hat, wie gut es tut zu wissen: Ich bin angenommen – so, wie ich bin. Von Gott.

Der gnädige, sich erbarmende Mitmensch und der gnädige, sich erbarmende Gott – das sind die beiden Seiten einer Medaille. Der eine ist ohne den anderen nicht zu haben, genauer gesagt: der gnädige Mitmensch nicht ohne den gnädigen Gott. Und dieser gnädige Gott hat sich nun einmal selbst in erbärmliche Verhältnisse – in Krippe und Kreuz – hineinbegeben, um uns Menschen in unseren Erbärmlichkeiten nahe sein zu können.

„Im Vergleich dazu – im Vergleich zu den anderen Religionen – ist unser Christentum ganz schön erbärmlich.“ Ja, das ist wohl so. Da hat jene Frau schlichtweg recht. Doch ich muss auch sagen: Gott sei Dank ist das so!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

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