Predigt (1. Tim 2,1)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

„erst denken, dann reden.“ Dieser wohlgemeinte Ratschlag soll einen vor Unbedachtheiten bewahren. Leider bekommt man ihn oft erst dann gesagt, wenn man bereits in ein Fettnäpfchen hineingetreten ist oder ein sorgfältig gehütetes Geheimnis ausgeplaudert hat.

„Erst denken, dann reden.“ Der Apostel Paulus geht sogar noch einen Schritt und sagt: „Erst beten, dann alles andere: Das Denken, das Reden und das Handeln.“ Oder wie es Paulus im 1. Timotheusbrief ausdrückt: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.“

Viele Menschen fragen sich: Hilft Beten überhaupt? Ich bin fest davon überzeugt: Ja, Beten hilft. Vor allem hilft es dem Beter selbst. Denn der lernt durch das Beten. Er lernt zu unterscheiden. Er lernt zu unterscheiden, was an ihm und was an Gott ist. Was er selbst schaffen und worum er nur bitten kann. Was er selbst in die Hand nehmen und was er nur in Gottes Hand legen kann.

Beten ist außerdem gut für die Augen des Beters. Denn Beten ist ein Hinschauen – ein Hinschauen auf die Welt und auf die Menschen in ihr. Wer betet, der schaut nicht weg. Er kann an dem Gesehenen vielleicht nichts ändern, aber er schaut auch nicht weg. Er übersieht nicht das, was ist. Sondern er bringt das Gesehene vor Gott – in Lob und Dank, in Bitte und Klage. Nicht, dass Gott ohne unser Beten nicht wüsste, was in der Welt geschieht. Nicht, dass wir ihn durch unser Beten daran erinnern müssten. Wir müssen nicht Gott daran erinnern, wer in der Welt seufzt und weint. Sondern wir müssen uns selbst daran erinnern. Und genau das geschieht durch das Beten. Wie gesagt: Beten ist gut für unsere Augen: Es bewahrt uns vor dem Blindwerden.

Und schließlich hilft das Beten dem Beter, indem es ihn aus seinem gewohnten Trott bringt, indem es ihn zwingt, die Blickrichtung zu ändern. Denn wer betet, muss sich für einen Moment von dem, was er tut oder was er gerade tun wollte, abwenden und Gott zuwenden. Und dieses Aus-dem-Trott-Kommen tut uns gut. Es verhindert, dass wir uns festfahren – in unseren täglichen Abläufen und Routinen, in unserem allzu vertrauten Denken und Urteilen, Reden und Handeln.

Doch wofür soll man eigentlich genau beten? Wenn ich Kinder am Ende eines Schulgottesdienstes frage: „Wofür wollen wir heute beten?“, dann ist vom Regenwurm bis zum Weltfrieden alles dabei. Denn Kinder möchten am liebsten für alles und für jeden beten – für ihre Haustiere, für ihre Freundinnen und Freunde, für ihre Eltern, Großeltern und Geschwister, für ihre Lehrerinnen und Lehrer, für die Kranken, für die Kinder in den armen Ländern und natürlich für den Frieden in der Welt. Wenn man Erwachsenen am Ende eines Gottesdienstes die gleiche Frage stellen würde: „Wofür wollen wir heute beten?“, dann würde es vermutlich erst einmal sehr still werden. Denn Erwachsene sortieren. Sie sortieren, für wen oder für was sie beten sollten oder müssten. Für wen oder für sie überhaupt beten dürfen – weil es nicht zu banal oder zu unbedeutend, weil es nicht zu vermessen oder zu egoistisch ist. Und schließlich: Erwachsene sortieren, für wen oder für was sie überhaupt beten wollen.

Bei den Dingen, für die man beten will, sind wir selbst meistens mit dabei. Denn wir wissen ganz genau, was uns fehlt und bedrückt. Und wenn wir uns vor Augen führen, wie gut es uns dennoch geht, fällt uns nicht selten auch vieles ein, wofür wir danken können. Bei den Dingen, für die man beten will, sind die Menschen, die man liebt, in der Regel ebenfalls mit dabei – ihre Sorgen und Nöte, ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Und wenn wir morgens in die Zeitung oder abends in die Nachrichten schauen, dann sind weitere Themen für das Gebet schnell gefunden: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, um nur die großen Themen zu nennen. Und dennoch: Erwachsene sortieren. Im Unterschied zu Kindern. Die sortieren nicht. Die wollen für alle beten. Und der Apostel Paulus gibt ihnen darin Recht. Er sagt: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.“

Wir sollen für alle Menschen beten. Zum einen ist das eine große Herausforderung, zum anderen tut mir das selbst aber auch gut. Es schützt mich nämlich vor Egoismus. Das Beten wäre eine sehr eigennützige Sache, wenn es sich immer nur um mich selbst drehen würde. Das Beten für andere, für alle anderen macht mir demgegenüber deutlich: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und auch andere Menschen haben Sorgen, Probleme und Bedürfnisse. Das Beten für andere, für alle anderen rückt mich und mein Leben in einen größeren Zusammenhang. Ich sehe meine eigenen Sorgen, Probleme und Bedürfnisse mitunter in einem anderen Licht. Auf alle Fälle verbindet mich das Beten für alle mit anderen Menschen und lässt mich spüren: Beim Beten übernehme ich Verantwortung für sie – ebenso wie sie durch ihr Beten Verantwortung für mich übernehmen.

Und dennoch: Für alle Menschen zu beten, ist auch eine große Herausforderung. Denn das bedeutet: Ich bete auch für die, die ich nicht mag, mit denen ich Streit habe und die mich verletzt haben. Und von meiner ganz persönlichen Situation einmal abgesehen, bedeutet es auch: Ich bete für die Menschen, die in Politik und Wirtschaft falsche Entscheidungen getroffen haben, die verantwortlich sind für das Leid und das Leiden vieler, für die Kriegstreiber, die Schleuser von Flüchtlingen, für die, die andere quälen und foltern. Für alle Menschen zu beten – da ist die ganze Welt eingeschlossen: Gute und Böse, Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene, Christen, Juden, Muslime und Atheisten – einfach alle. Ohne Ausnahme.

Eine Gruppe von Menschen greift der Apostel Paulus im 1. Timotheus allerdings besonders heraus, und zwar die Obrigkeit, die Regierung. Die „da oben“. Die die Macht und das Sagen haben. Der Apostel greift sie jedoch nicht deswegen heraus, weil sie eine Exklusivgruppe wären, sondern weil sie eben auch nur Menschen sind – Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Begabungen und Unzulänglichkeiten. Paulus greift sie heraus, weil auch sie – und gerade sie – es nötig haben, dass für sie gebetet wird. Denn sie müssen Entscheidungen treffen, die unser aller Leben anbelangen. Sie müssen Entscheidungen treffen, von denen es in hohem Maße abhängt, ob wir ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Rahmenbedingungen für ein solches Leben gegeben sind – auch die Rahmenbedingungen dafür, dass das Evangelium von Jesus Christus frei verkündet werden und jeder seinen Glauben in Frieden leben kann.

Der Apostel Paulus sagt: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.“ Ein solches Gebet für alle Menschen muss man üben. Und selbst dann wird es das eine Mal besser, das andere Mal schlechter und manches Mal vielleicht auch gar nicht gelingen. Aber ohne Üben wird es sicherlich niemals gelingen. Und wie bei allem Üben fängt man am besten klein an. Ein solcher kleiner Anfang könnte sein, dass wir anstatt mit anderen Menschen über jemanden zu reden, mit Gott über diesen Menschen sprechen. Das kann ganz konkret bedeuten: Ich wälze und koste den Fehler eines anderen gegenüber anderen Menschen nicht aus, sondern ich bitte Gott darum, den anderen das nächste Mal vor einem solchen Fehler zu bewahren und die negative Folgen seines Fehlers in Grenzen zu halten. Oder: Ich versuche, es dem Menschen, der mich geärgert, ungerecht behandelt, verletzt oder beleidigt hat, nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen, sondern ich bitte Gott darum, dem anderen Einsicht zu schenken in die Schuld- und Fehlerhaftigkeit seines Tuns. Dass wir anstatt mit anderen Menschen über jemanden zu reden, mit Gott über diesen Menschen sprechen, das kann auch bedeuten: Ich schimpfe nicht über die vermeintlich falsche Entscheidung eines Politikers oder einer Politikerin, sondern ich bitte Gott darum, ihn oder sie bei künftigen Entscheidungen durch seinen Geist zu leiten und ihm oder ihr Menschen an die Seite zu stellen, die es ehrlich mit meinen und gute Ratgeber sind.

Das alles wäre ein Anfang. Und wenn dieser vergleichsweise kleine und doch so schwere Anfang gelingt, dann klappt eines Tages vielleicht noch mehr Beten für alle Menschen vor allem Denken, Reden und Handeln.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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