Ansprache im Familiengottesdienst „Du bist ein Segen!“

 

Liebe Gemeinde,

 

am Ende eines jeden Gottesdienstes wird der Segen gesprochen. Meistens ist es ein ganz bestimmter Segen, und zwar der sogenannte aaronitische Segen aus dem 4. Buch Mose. Er lautet: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

 

Viele Menschen verbinden Segen mit Glück und Gesundheit, Wohlstand und Erfolg, Auskommen und Einkommen. Und es gibt Menschen, die mit all diesen Dingen reich gesegnet sind. Aber all das macht den Segen nicht aus.

 

Das Leben ist nicht immer leicht und schön. Dennoch kann es gesegnet sein – mit Menschen, die wir lieben und von denen wir geliebt werden. Beziehungen sind nicht immer glücklich und ungetrübt. Es ist nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen.“ Dennoch können Beziehungen gesegnet sein – durch die feste Gewissheit, sich trotz allem aufeinander verlassen zu können. Der Beruf, den wir ausüben, oder die Arbeit, die wir verrichten, ist nicht immer befriedigend. Wir ernten nicht immer Lob und Anerkennung für das, was wir leisten. Dennoch kann unser Tun gesegnet sein. Es kann im Stillen Kreise ziehen. Und schließlich: Das Alter ist nicht immer würdevoll und erhebend. Dennoch kann es gesegnet sein. Denn es schenkt Zeit – Zeit für das eine oder andere, für das man zuvor keine oder nur wenig Zeit hatte. Zeit, um die Hände zu falten und zu beten.

 

Segen kann ganz konkret Glück und Gesundheit, Wohlstand und Erfolg, Auskommen und Einkommen bedeuten. Doch von all dem ist in dem Segen aus dem 4. Buch Mose nicht die Rede. In ihm geht es um das Angesicht, Gottes Angesicht. Wenn Gott einen Menschen segnet, dann lässt er sein Angesicht über ihm leuchten, dann hebt er sein Angesicht auf ihn. Mit anderen Worten: Wenn Gott einen Menschen segnet, dann wendet er ihm sein Gesicht zu, dann schaut er ihn an. Aber Gott schaut ihn nicht irgendwie an, sondern mit den Augen der Liebe. Und dieser Blick der Liebe Gottes tut uns Menschen gut. Er lindert die Enttäuschungen und Verletzungen, die das Leben manchmal mit sich bringt. Er lässt die Fragen und Zweifel, die bisweilen an uns nagen, verstummen – zumindest für einen Moment. Dieser Blick der Liebe Gottes ist es auch, der uns unser Ansehen und unsere Würde gibt. Er macht uns im wahrsten Sinne des Wortes ansehnlich – egal, was andere von uns denken. Egal, wie kritisch wir uns selbst betrachten mögen. Egal, was wir in unserem Leben geschafft oder versäumt haben.

 

Und wer beim Segen den Blick der Liebe Gottes auf sich spürt, dem kann es passieren, dass er gar nicht anders kann, als diesen Blick der Liebe weiterzugeben. Er wird zu einem Menschen, der sich nun selbst anderen zuwendet – von Angesicht zu Angesicht und mit liebevollem Blick. Er wird zu einem Menschen, der sich Gottes Sicht der Dinge zu eigen macht. Der hinter die Dinge und den Menschen ins Herz schaut. Er wird zu einem Menschen, in dessen Gesicht etwas von dem Glanz des Angesichtes Gottes aufscheint und der den Widerschein dieses Glanzes hinaus in die Welt trägt. „Ich will dich segnen“, sagt Gott an einer anderen Stelle der Bibel. Und er fährt fort: „Und du sollst ein Segen sein.“ Amen.

 

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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