Predigt (Lk 16,19-31)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

vielleicht kennen Sie die Redewendung: nicht wissen, wo man sein Ei hinlegen soll. Die Redewendung greift das Bild von einer Henne auf, die ziellos hin und her läuft, weil sie keinen geeigneten Eiablageplatz findet. So ähnlich erscheint mancher Mensch, der ziellos hin und her läuft, weil er mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Weil er nicht weiß, wohin er mit sich selbst soll.

 

Nicht wissen, wohin man mit sich selbst soll. So ging es mir, als ich das Gleichnis „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ gelesen habe, das wir vorhin in der Lesung gehört haben. Ich wusste nicht, wo ich mich selbst bei diesem Gleichnis eintragen soll bzw. mit wem ich mich identifizieren könnte.

 

Wenn man in einem der reichsten Länder der Erde lebt, dann ist man wohl erst einmal ziemlich nah an dem reichen Mann dran. Doch der wird alles andere als sympathisch dargestellt. Es scheint, als hätte er den armen Lazarus vor seiner Tür überhaupt nicht wahrgenommen. Und wenn doch, hat er ihm zumindest nicht geholfen. Jedenfalls hat er ihn weder zu einem Arzt gebracht noch an seinen Tisch geholt. Andererseits wird vermutlich keiner von uns von sich sagen, dass er wie jener reiche Mann „alle Tage herrlich und in Freuden“ leben würde. Es gibt doch einiges, was unsere Tage trübt – Reichtum hin oder her. Und wer ist schon wirklich reich zu nennen? Wer viel Geld oder wer viel Zeit hat? Wer gesund oder wer erfolgreich oder wer zufrieden ist? Wer eine Arbeit hat oder wer nicht (mehr) zu arbeiten braucht? Manch einer erkauft sich seinen Reichtum vielleicht auch durch viel Arbeit, die es gleichzeitig unmöglich macht, „seine Tage herrlich und in Freuden“ zu verbringen.

 

Und wie sieht es mit dem armen Lazarus aus? Wie nahe steht er uns? Wir alle liegen offensichtlich und Gott sei Dank nicht – mittellos, hilflos und von Geschwüren bedeckt – vor der Tür eines anderen Menschen. Vielleicht sind wir auch nicht im klassischen Sinne „arm“. Im Armutsbericht der Bundesregierung wird übrigens als „arm“ definiert, wer mit weniger als 60% des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung auskommen muss. Vielleicht sind wir nicht in diesem Sinne „arm“, aber irgendeinen Mangel kennt sicher jeder von uns, ob es nun Mangel an Zeit, Mangel an Kraft, Mangel an Liebe und Zuwendung, Mangel an Freude oder Mangel an Frieden ist.

 

Vielleicht sind wir ja auch gar nicht arm oder reich, sondern mal das eine und mal das andere oder immer beides zugleich. Und können uns daher überhaupt nicht mit dem reichen Mann oder dem armen Lazarus identifizieren. Doch mit wem dann? Oder hat das Gleichnis am Ende überhaupt nichts mit uns zu tun?

 

Irgendwann kam mir eine andere Redewendung in den Sinn: den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Genauer gesagt: Die Lebenden vor lauter Toten nicht sehen. Denn tot sind beide ja – sowohl der reiche Mann als auch der arme Lazarus. Jedenfalls sind die beiden die meiste Zeit des Gleichnisses tot. Schon nach den ersten vier Sätzen befindet sich der eine im Himmel und der andere in der Hölle. Und genau das macht den entscheidenden Unterschied: Die beiden sind tot, wir aber leben – ohne Ausnahme.

 

Wir leben – so, wie die fünf Brüder des Reichen leben. Wenn wir uns mit irgendjemandem in diesem Gleichnis identifizieren wollen, dann doch wohl mit ihnen. Denn Sie sind die einzigen Lebenden. Zu ihnen möchte der Reiche den armen Lazarus zurückschicken, um sie zu warnen. Um ihnen zu sagen: „Macht es in eurem Leben besser als ich. Macht es gut. Euch stehen noch alle Möglichkeiten offen. Denn ihr lebt. Ihr könnt eingeschlagene Wege verlassen. Ihr könnt unausgesprochene Worte nachholen und ausgesprochene korrigieren. Ihr könnt Dinge bereinigen, wieder gutmachen oder ganz neu in Angriff nehmen. Vielleicht könnt ihr nicht mehr alles gut machen, aber doch vieles oder zumindest manches. Denn ihr lebt.“

 

Wir leben – so, wie die fünf Brüder des Reichen. Und deshalb können wir das Leben an jedem neuen Tag wieder gut machen – oder etwas besser als am Tag davor. Doch warum sollten wir das eigentlich tun? Damit wir uns den Himmel verdienen? Oder damit wir nicht wie der reiche Mann in der Hölle landen?

 

Nein, das denke ich nicht. Denn dieses Gleichnis ist keine Geschichte über den Tod. Es ist auch keine Geschichte über das Leben nach dem Tod, auch wenn im Gleichnis viel darüber erzählt wird. Das Gleichnis will weder die Armen dieser Welt auf den Himmel vertrösten noch den Reichen die Hölle heiß machen. Sondern es ist eine Geschichte über das Leben, über dieses Leben, über das Leben hier und jetzt. Und dieses Leben hier und jetzt, unser einmaliges, unverwechselbares und unwiederholbares Leben, können und sollen wir gut machen – nicht mehr und nicht weniger. Gut für die in unseren Häusern und gut für die vor unseren Türen. Gut auch und nicht zuletzt für uns selbst. Unser ewiges Leben liegt demgegenüber nicht in unseren, sondern in Gottes Händen.

 

Und wie machen wir das Leben hier und jetzt gut? Ich denke, indem wir es – so viel wie möglich – mit Liebe füllen. Denn das hat uns Jesus vorgelebt. Und das ist uns schon auf den ersten Seiten der Bibel ins Stammbuch geschrieben worden. Denn als Gott den Menschen schuf, hat er ihn zu seinem Bilde geschaffen hat. Wir sind ein Abbild Gottes. Und da Gott die Liebe ist, sind wir ein Abbild der Liebe.

 

Der Kirchenvater Augustinus hat einmal gesagt: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Mit anderen Worten: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe die Schöpfung um dich herum und liebe auch und nicht zuletzt dich selbst. Und dann kannst du machen, was du willst. Es wird gut sein. Das bringt dich dem Himmel zwar nicht näher. Aber den musst du dir ohnehin nicht verdienen. Denn der wird dir geschenkt. Aber es lässt dich den Himmel schon hier und jetzt, mitten im Leben erfahren.

 

Mit einem Leben in und aus der Liebe stimmen wir uns auf den Himmel ein – auf ein Leben in der Ewigkeit, auf ein Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes, der die Liebe ist.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

 

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

 

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