Ansprache zum Tauffest am 03.07.22

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Tauffamilien, liebe Gemeinde,

 

viele von uns werden sie kennen – die sogenannten Vorher-Nachher-Shows. Fernsehsendungen, bei denen man zuschauen kann, wie sich ein Mensch verändert – in der Regel zu seinem Vorteil. Der eine bekommt eine neue Frisur, die andere eine neue Figur und wieder ein anderer ein neues Outfit.

 

Ist die Taufe auch eine solche Veränderung im Leben? Eine Veränderung, die so grundlegend ist, dass man das Leben daraufhin in ein Vorher und in ein Nachher einteilt?

 

Wenn man die überwiegend äußerlichen Veränderungen der Vorher-Nachher-Shows zum Maßstab nimmt, muss die Antwort wohl lauten: Nein, die Taufe ist keine solche Veränderung. Denn Kinder, Jugendliche und Erwachsene sehen nach ihrer Taufe noch genauso aus wie vorher. Aus ihnen ist auch nicht von einem Moment zum anderen eine ganz andere Persönlichkeit geworden. Sie alle haben nach der Taufe noch die gleichen Stärken und Schwächen, die gleichen liebenswerten und weniger liebenswerten Eigenarten.

 

Und dennoch lässt die Taufe einen Menschen nicht unverändert. Denn über seinem Leben steht fortan ein „Ja“. Und zwar nicht irgendein „Ja“, sondern Gottes „Ja“. Nicht dass vor der Taufe über unserem Leben Gottes „Nein“ gestanden hätte. Gott sagt zu keinem Menschen grundsätzlich „Nein“. Aber die Taufe ist die ganz persönliche Zusage Gottes an jeden einzelnen Menschen: „Über deinem Leben – egal, wie dieses auch aussehen oder sich entwickeln mag – steht ein „Ja“, mein „Ja“: Ja, du bist gewollt. Ja, du bist angenommen. Ja, du bist geliebt.“

 

Gott sagt „Ja“ zu uns Menschen. Er sagt nicht zu allem, was wir tun, „Ja“. Es gibt in unserem Leben immer auch Dinge, die ihm nicht gefallen. Aber das ändert nichts daran, dass er zu uns als Mensch „Ja“ sagt. Und dieses „Ja“ behält seine Gültigkeit. Es geht uns mit dem Taufwasser quasi unter die Haut. Es kann nicht einfach abgewaschen werden. Wir bleiben unser Leben lang Getaufte – Menschen, zu denen Gott steht. Egal, was andere über uns sagen. Egal, was wir selbst von uns halten.

 

Die Taufe lässt uns in dem sicheren Gefühl leben, dass wir gewollt, angenommen und geliebt sind. Und das tut gut. Ein „Ja“ tut gut.

 

Können Sie sich daran erinnern, wann zuletzt jemand zu Ihnen „Ja“ gesagt hat? Und ich meine wirklich zu Ihnen als Mensch – und nicht zu irgendetwas, das Sie getan oder das Sie geleistet oder worum Sie jemanden gebeten haben?

 

Ich denke, wir Menschen hören viel zu oft ein „Nein“ statt ein „Ja“ zu uns. Wir stoßen viel zu oft auf Ablehnung statt auf Annahme. Oder das „Ja“ zu uns wird viel zu selten ausgesprochen. Der Partner oder die Partnerin, die Kinder oder die Eltern, Freunde und Kolleginnen meinen vielleicht „Ja“, aber sie sprechen es nicht aus. Denn sie meinen, wir wüssten es. Es wäre doch klar. Dabei ist es so wichtig, dieses „Ja“ auch zu hören. Immer wieder einmal gesagt zu bekommen: „Ja, ist stehe zu dir. Ja, du bist mir wichtig. Ja, ich bin für dich da. Ja, ich liebe dich.“ Und das nicht nur in den Hoch-Zeiten des Lebens, sondern auch und gerade dann, wenn es nicht so gut läuft – im Leben und im Miteinander.

 

Ein solches „Ja“, die Gewissheit, bejaht zu sein, so wie wir sind, ist so wichtig für unser Leben – egal, in welchem Alter wir sind. Denn mit einem solchen „Ja“ im Rücken lebt es sich anders. Ein solches „Ja“ trägt. Es stärkt, es befreit und es schenkt Mut – den Mut, sich zu verändern. Denn wer sich, so wie er ist, geliebt und angenommen weiß – mit seinen Fehlern und trotz seiner Schwächen, der hat auch die Kraft, an sich zu arbeiten.

 

Ein „Ja“ tut gut. Und daher ist es wichtig, dass wir unseren Kindern von Gottes „Ja“, dass wir ihnen von ihrer Taufe erzählen – als Eltern, Patinnen und Paten, Großeltern und als christliche Gemeinde. Und dass wir uns selbst immer wieder daran erinnern: „Ich bin getauft!“ Von Martin Luther wird berichtet, dass er das immer wieder getan hat. Dass er sich immer wieder an seine Taufe erinnert hat. Vor allem dann, wenn die Zweifel und die Selbstzweifel kamen. Dann hat er die Tischdecke zurückgeschlagen, ein Stück Kreide genommen und in großen Buchstaben auf die Tischplatte geschrieben: „Ich bin getauft!“

 

Es muss ja nicht unbedingt die Tischplatte sein – ein schlichtes Blatt Papier genügt. Oder wir nehmen statt der Kreide die Taufkerze zur Hand und zünden sie an. Hauptsache, wir erinnern uns. Hauptsache, wir vergewissern uns: Über meinem Leben steht Gottes „Ja“. Und vergessen wir nicht, selber „Ja“ zu sagen – zu unseren Kindern, zu den Menschen, die wir lieben und mit denen wir uns verbunden fühlen. Denn ein „Ja“ tut gut. Und in jedem „Ja“, das wir Menschen einander sagen, spiegelt sich Gottes „Ja“ zu uns wider.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

 

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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