Predigt „Sehen und Gehen“ zum ökumenischen Gemeindefest am 10. Juli

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

„ich sehe was, was du nicht siehst“ – kennen Sie dieses fröhliche Ratespiel? Haben Sie es als Kind mit Ihren Eltern und Geschwistern gespielt oder spielen sie es heute mit Ihren Kindern und Enkelkindern – auf endlosen Autofahrten in den Urlaub oder zum Verwandtenbesuch? Und sind Sie dabei auch schon manches Mal verzweifelt, wenn es hieß „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist blau“ – und Sie kamen einfach nicht dahinter, was das sein könnte? Denn es war natürlich nicht das blaue T-Shirt, das Ihr Kind oder Enkelkind gerade anhatte – das wäre ja zu einfach gewesen. Und es war auch nicht die blaue Umrandung der Sonnenbrille oder die blaue Verpackung der Tempotaschentücher. Sondern es war das blaue Auto, das Sie mittlerweile vor über einer Viertelstunde überholt hatten.

 

„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Die drei Frauen aus der alttestamentlichen Lesung – die Mutter, Schwester und ägyptische Adoptivmutter des Mose – haben trotz aller Unterschiede eines gemeinsam: Sie sehen etwas, das andere in diesem Moment nicht sehen. Moses Mutter sieht, dass er „schön“ ist – sie erkennt das Besondere in und an ihrem Kind. Moses Schwester bleibt in seiner Nähe stehen, „um zu sehen, was mit ihm geschehen würde“ – sie behält die Situation im Auge. Und die Tochter des Pharao sieht das Kästchen im Schilf und darin ein weinendes Kind – sie hat einen Blick für die Hilflosigkeit und Bedürftigkeit eines anderen Menschen.

 

Zum Sehen gehört jedoch auch das Gehen, das Handeln. Zunächst versteckt die Mutter ihr neugeborenes Kind. Und als das nicht mehr möglich ist, setzt sie es in wagemutiger Verzweiflung in einem Binsenkästchen im Schilfufer des Nils aus. Miriam, die große Schwester, ergreift im entscheidenden Augenblick die Initiative und wagt es, die ägyptische Prinzessin nicht nur anzusprechen, sondern auch ihr einen Vorschlag zu unterbreiten. Und die Prinzessin wiederum übernimmt Verantwortung für das fremde Kind, gibt es vorerst in die Obhut der leiblichen Mutter zurück und adoptiert es dann später.

 

Sehen und Gehen gehört zusammen. Das führen uns die drei Frauen aus dem Alten Testament vor Augen. Das eine ist ohne das andere nutzlos. Denn wer beim Sehen stehenbleibt, kann nichts bewirken, nichts verändern. Und wer einfach losmarschiert, ohne vorher genau hingeschaut und begriffen zu haben, worum es eigentlich geht, der wird auch nicht viel ausrichten können. Sehen und Gehen gehört auch deshalb zusammen, weil das eine ohne das andere gefährlich sein kann. Denn wer sieht, sich daraufhin aber nicht auf den Weg macht, trägt mitunter die Schuld daran, wenn das Notwendige nicht getan wird. Und wer blindlings drauflos handelt, der wird unter Umständen die ganze Sache in Gefahr bringen. Sehen und Gehen gehört zusammen.

 

Wann haben Sie das letzte Mal genau hingeschaut und etwas gesehen, das außer Ihnen vielleicht niemand wahrgenommen hat? Vielleicht die schon fast getrocknete Träne auf der Wange der guten Bekannten, die Sie zufällig und nach langer Zeit in der Stadt wiedergetroffen haben. Oder den übervollen Briefkasten des Nachbarn, der doch gar nicht verreisen wollte. Oder den immer stiller und blasser werdenden Jungen von nebenan, dessen Fröhlichkeit sonst immer so ansteckend war. Und folgte Ihrem Sehen dann auch ein Gehen? Ein Losmarschieren, weil Sie das, was sie wahrgenommen haben, beunruhigt hat und nicht mehr zur Ruhe kommen ließ? Haben Sie bei der Bekannten nachgefragt: Geht es dir im Moment nicht gut? Haben Sie einfach einmal bei dem Nachbarn geklingelt und ihn auf eine Tasse Kaffee eingeladen? Haben Sie den kleinen Jungen – vielleicht bei einem Eis – gefragt, was die Schule macht?

 

Manchmal sehen wir jedoch auch nichts. Da ertappen wir uns eher dabei, dass wir die Augen verschließen – weil wir in diesem Moment einfach nicht sehen wollen. Weil wir schon genug mit uns zu tun haben und froh sind, wenn wir selbst einigermaßen zurecht- und durchkommen. Oder wir verschließen die Augen, weil wir einfach nicht mehr sehen können. Weil es so viel – zu viel – zu sehen gibt an Not und Elend. So viel, dass man überhaupt nicht mehr weiß, wo man zuerst hinsehen und dann auch hingehen soll. So viel, so dass man sich resigniert abwendet und denkt: Was kann ich da schon ausrichten? Das hat doch alles keinen Sinn.

 

Vielleicht mussten wir auch schon feststellen, dass uns unser Sehen und vor allem unser Gehen in eine Sackgasse geführt hat. Weil wir mit dem, was wir wahrgenommen und dann beherzt und voller Überzeugung angepackt haben, gescheitert sind. Oder weil sich das, was wir doch so gut gemeint hatten, als gar nicht so gut erwiesen hat.

 

Sehen und Gehen gehört zusammen, ist aber auch anstrengend. Sehen und Gehen kostet Zeit. Es kostet Kraft und Mut. Und es kann einen müde und mürbe machen. Und vielleicht bleibt bisweilen auch das Gefühl zurück, dabei selbst übersehen oder ausgenutzt zu werden.

 

Ich denke, auf Dauer lässt sich das Sehen und Gehen nur durchhalten, wenn man einen Ort hat, an den man selbst gesehen wird. Einen Ort, an dem man so, wie man ist, gesehen wird: mit allen Stärken und mit allem Einsatz, aber auch mit allen Verletzlichkeiten und Verletzungen, mit allen Überforderungen und Grenzen.

 

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das hat Hagar, eine andere Frau aus dem Alten Testament, einmal erfahren und bekannt. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Du, Gott, bist der Ort, an dem ich gesehen werde. So, wie ich bin. Mit allem, was ich bin und habe. Und du, Gott, bist der Ort, von dem aus ich dann auch wieder losgehen kann. Vielleicht nicht gleich, vielleicht auch nicht gleich morgen oder übermorgen, aber irgendwann. Denn du, Gott, bist der Ort, an dem ich wieder aufgerichtet werde. So dass ich die Kraft hab, dem Leben mit all seinen Herausforderungen neu ins Gesicht zu schauen. So dass ich die Kraft haben, auch den anderen wieder zu sehen, ihn mit all seinen Nöten in den Blick zu nehmen.

 

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Du, Gott, bist schließlich auch der Ort, an dem ich mich selbst anschauen und mitunter auch aushalten kann. So wie ich bin. So, wie ich vielleicht geworden bin. Oder, um es mit den Worten des heutigen Evangeliums zu sagen: Du, Gott, bist der Ort, an dem ich es wagen kann, den Balken in meinem eigenen Auge wahrzunehmen. Du bist der Ort, an dem ich mir eingestehen kann, was wirklich los ist, wie es wirklich um mich steht. Und schließlich: Du bist der Ort, an dem ich sogar versuchen kann, diesen Balken vorsichtig herauszuziehen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesu, unserem Heiland und Herrn. Amen.

 

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

Zusätzliche Informationen