Predigt (2. Thess 3,1-5)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sie mit euch allen. Amen.

 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Thessalonicherbrief im 3. Kapitel:

Der Apostel Paulus schreibt:

1 Weiter, ihr Brüder und Schwestern, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch 2 und dass wir gerettet werden vor falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. 3 Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.

 

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

„ich mach mein Ding!“ Das sagen heutzutage viele Menschen. Und sie meinen damit, ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen, Plänen und Vorstellungen gestalten zu wollen. Sich nicht allzu schnell und allzu leicht in Normen und Konventionen pressen zu lassen. Nichts nur deshalb zu machen, weil es schon immer so war. Weil es die eigenen Eltern auch so gemacht haben. Oder weil es die anderen ebenfalls tun.

 

„Ich mach mein Ding!“ Das scheint heutzutage eine Art Grundeinstellung zu sein – gerade bei jüngeren Menschen. Und diese Einstellung ist ja auch in Ordnung. Junge Menschen sollen ihre eigenen Erfahrungen machen können – auch ihre eigenen Fehler. Sie sollen sich mit ihren Fähigkeiten und Begabungen, mit ihren Ideen und ihrer Sicht der Dinge einbringen können. Sie sollen das Leben nach ihren eigenen Wünschen, Plänen und Vorstellungen gestalten können.

 

„Ich mach mein Ding!“ Wenn man genauer hinschaut, dann bleibt einem heutzutage auch gar nichts anderes übrig. Man hat überhaupt keine andere Wahl, als sein Ding zu machen. Denn das Ding gibt es nicht mehr. Es gibt keine vorgefertigten Lebensläufe, keine fertigen Lebensgeschichten mehr, die man einfach übernehmen, die man sich zu eigen machen könnte. Sondern es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, aus denen man auswählen kann und auswählen muss. Damit ist jeder Mensch ein Stück weit auch der Herr und Konstrukteur seiner eigenen Lebensgeschichte. Die Kehrseite dieser Wahl- und Entscheidungsfreiheit ist allerdings die Verantwortung. Ich kann nicht mehr so einfach die anderen, die Umstände oder auch Gott dafür verantwortlich machen, wie mein Leben verläuft, was aus ihm wird. Denn ich habe vieles selbst in der Hand. Damit bin ich auch ein Stück weit der Herr und Konstrukteur des Scheiterns meiner Lebensgeschichte.

 

„Ich mach mein Ding!“ Das sagen heutzutage viele Menschen – und handeln dementsprechend. Die Menschen machen ihr Ding, und zu diesem Ding, zu diesem Lebensentwurf, zu dieser Art zu leben kann – unter vielem anderem – auch der Glaube gehören. Der Glaube kann dazugehören, er muss es aber nicht. Denn der Glaube ist auch eine jener Möglichkeiten, aus denen ich für mein Leben wählen kann. Und so spielt für den einen der Glaube eine zentrale Rolle im Leben, für den anderen eine randständige und für den dritten überhaupt keine. Manche Menschen vermissen ohne den Glauben etwas – bewusst oder unbewusst. Und andere vermissen ohne den Glauben überhaupt nichts. Das Leben funktioniert anscheinend auch ohne. Und das ist nicht erst seit heute so. Schon der Apostel Paulus hat im heutigen Predigttext festgehalten: „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“

 

„Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“ Dies ist eine Feststellung, die den Apostel Paulus schmerzt. Er leidet darunter, dass dies so ist. Er leidet unter den Menschen, deren Ding nicht der Glaube ist. Sie sind für ihn „falsche und böse Menschen“, die ihm das Leben schwer machen, die sein Leben bedrohen und vor denen er gerettet werden möchte. Das ist heute anders – zumindest in unserem Teil der Welt. Da leiden wir vielleicht auch darunter, dass der Glaube für viele Menschen an Bedeutung verloren oder überhaupt keine Bedeutung mehr hat. Aber dieser Umstand hat für uns – Gott sei Dank – keine Bedrohung an Leib und Leben zur Folge. In anderen Teilen der Welt sieht das ganz anders aus. Doch hier bei uns ist die Feststellung „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding“ eher Ausdruck dafür, dass unsere Gesellschaft vielfältig und vielgestaltig ist und dass sie dem Einzelnen mit seinen Veranlagungen und Bedürfnissen viel Raum gibt.

 

„Ich mach mein Ding!“ Und: „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.“ Ich denke, diese beiden Sätze hängen eng miteinander zusammen. Sie bedingen einander sogar. Denn vielleicht ist der Glaube gerade deshalb nicht jedermanns Ding, weil jedermann sein Ding machen möchte. Und das passt nicht zusammen: Der Glaube und „sein Ding machen wollen“. Das geht einfach nicht: Glauben und dann noch „sein Ding machen wollen“. Denn der, der glaubt, der macht Gottes Ding. Der, der glaubt, der lebt so, wie Gott es will und nicht nur so, wie es den eigenen Wünschen, Plänen und Vorstellungen entspricht. Der, der glaubt, der sieht die Welt mit Gottes Augen, mit den Augen Jesu. Und deshalb kann er nicht mehr nur sein Ding machen – zumindest nicht, ohne dabei auch nach links und nach rechts zu schauen. Nicht mehr, ohne dabei auch die Menschen und die Welt um ihn herum im Blick zu haben. Nicht mehr, ohne sich dabei immer wieder zu fragen: Was würde Jesus jetzt tun? Bzw.: Würde Jesus das jetzt überhaupt tun?

 

Es passt nicht zusammen: Glauben und dann noch „sein Ding machen wollen“. Und weil wir Menschen das irgendwie spüren oder zumindest erahnen – bewusst oder unbewusst, deshalb lassen viele Menschen vielleicht lieber die Finger vom Glauben. Deshalb sagen viele Menschen schweren oder auch leichten Herzens: „Der Glaube ist nicht mein Ding.“

 

Wer glaubt, macht nicht mehr so sehr sein Ding, sondern Gottes Ding. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob der, der glaubt, auf vieles verzichten müsste: auf seine persönliche Entscheidungsfreiheit, auf seinen freien Willen, auf Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung, auf seine eigenen Wünsche, Pläne und Vorstellungen. Denn er tut ja Gottes Willen und folgt nicht mehr so sehr seinem eigenen. Auf den zweiten Blick sieht die Sache jedoch ganz anders aus bzw. dann, wenn ich auf Jesus schaue. Jesus hat Gottes Willen getan. Er hat Gottes Willen gelebt. Er hat ihn vorgelebt. Er stand ganz und gar im Einklang mit Gott, hat ganz und gar Gottes Ding gemacht – vom Anfang bis zum Ende. Und dennoch war Jesus ganz und gar er selbst. Und dennoch war Jesus ganz und gar bei sich selbst. Das spürte man ihm an – vom Anfang bis zum Ende.

 

Und daher habe ich die Vermutung, dass es eher so ist: Wenn ich Gottes Ding mache, dann mache ich das Ding, zu dem ich bestimmt bin. Wenn ich Gottes Ding mache, dann lebe ich so, wie Gott mich gewollt und geschaffen hat. Wenn ich Gottes Ding mache, dann bin ich ganz bei mir selbst. Dann bin ich im Einklang mit mir. Und wenn dies tatsächlich so ist, dass kann ich eigentlich erst dann, wenn ich Gottes Ding mache, wirklich von mir sagen: „Ich mache mein Ding.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

 

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

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