Predigt (Christusträger)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

heute ist der Gedenktag des heiligen Christophorus. Er ist einer der vierzehn Nothelfer und besonders als Schutzheiliger der Reisenden bekannt und beliebt. Viele Reisende machen sich in diesen Tagen nicht auf den Weg in den Urlaub, ohne zuvor den Segen des heiligen Christophorus erbeten und empfangen zu haben.

Der Legende nach trägt der heilige Christophorus ursprünglich den Namen Reprobus. Er ist ein großer und starker Mann. Manche halten ihn sogar für einen Riesen. Trotz seiner eigenen Größe und Stärke hat er es sich zur Aufgabe gemacht, dem größten und stärksten König der Welt zu dienen. Als Reprobus am Hof eines mächtigen Königs ankommt, bemerkt er, dass dieser Angst vor dem Teufel hat. Also verlässt Reprobus den König und stellt sich in den Dienst des Teufels. Als er mit diesem unterwegs ist, muss er jedoch feststellen, dass der Teufel jedes Mal flüchtet, wenn sie an einem Kreuz vorbeikommen. Offenbar ist der Mann am Kreuz noch mächtiger als der Teufel. Also macht sich Reprobus auf den Weg, um Jesus Christus zu suchen. Aber wie und wo soll er ihn finden?

Eines Tages kehrt Reprobus bei einem Eremiten ein. Dieser erzählt ihm von Jesus Christus. Aber wie soll Reprobus Christus dienen? Fasten und Beten wie der Eremit sind nicht seine Sache. Doch weil er groß und stark ist, zeigt ihm der Eremit einen Fluss, den zu überqueren er Reisenden helfen soll. Der Eremit sagt zu Reprobus: „Anderen Menschen helfen, das ist Christus sicher willkommen. Wer weiß, vielleicht wird er sich dir offenbaren.“

Eines Tages bittet ein Kind Reprobus: „Trag mich über den Fluss!“ „Nichts leichter als das!“, denkt der sich, nimmt das Kind auf seine Schultern und steigt in den Fluss hinein. Anfangs ist ihm das Kind leicht wie eine Feder, doch von Schritt zu Schritt wird es schwerer. Bis er am Ende unter der Last zusammenzubrechen und selber in den Fluten unterzugehen droht. Reprobus hat das Gefühl, die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern zu tragen. Mit letzter Kraft erreicht er das andere Ufer. Mit fragenden Blicken schaut er auf das Kind. Das sagt zu ihm: „Nein, die Welt hast du nicht getragen. Du hast den getragen, der die Welt erschaffen hat.“ Und dann drückt das kleine Kind den großen Mann unter Wasser und tauft ihn auf den Namen Christophorus. In dem Moment erkennt dieser in dem Kind Jesus Christus. Reprobus hat endlich seinen Herrn gefunden.

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Nicht, weil heute der Gedenktag des heiligen Christophorus ist oder weil Sie morgen vielleicht in den Urlaub fahren. In der evangelischen Kirche haben wir es bekanntlich nicht so mit den Heiligen. Sondern ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil heute der 6. Sonntag nach Trinitatis ist und dieser Sonntag im Zeichen der Taufe steht. Und weil durch die Taufe jeder Mensch zu einem Christophorus wird. Denn Christophorus bedeutet auf Deutsch „Christusträger“ bzw. „Christusträgerin“. Durch die Taufe wird jeder Mensch zu einem „Christusträger“ bzw. einer „Christusträgerin“.

Nun tragen Getaufte Jesus Christus in der Regel nicht auf dem Arm durch einen Fluss, sondern sie tragen ihn im Herzen. Genauer gesagt: Sie tragen Jesu Leben in sich. Und das ist zugleich eine Gabe und eine Aufgabe.

Die Gabe besteht darin, dass Getaufte das ewige Leben in sich tragen – die Verheißung, dass das Leben hier und jetzt nicht alles ist, sondern dass es einmal weiter geht als ewiges Leben in Gottes Gegenwart. Als ewiges Leben, in dem es keinen Tod, kein Leid und keine Tränen mehr geben wird. Als ewiges Leben, in dem wir die wiedersehen werden, die wir geliebt haben. Von denen wir hier Abschied nehmen mussten und die wir sehr vermissen.

Die Gabe ist das ewige Leben. Und die Aufgabe ist das Leben hier und jetzt. Die Aufgabe besteht darin: Es soll an unserem Leben zu sehen sein, dass wir Jesu Leben in uns tragen. Mit anderen Worten: Wir sollen leben, wie er gelebt hat. Doch das scheint leichter gesagt, als getan. Es ist auch leichter gesagt, als getan. Aber es ist auch nicht unmöglich. Denn es geht um die Art und Weise, wie Jesus mit den Menschen um ihn herum umgegangen ist.

Jesus hat die Menschen gesehen. Er hat sie wahrgenommen: die Frauen, die Kinder, die am Rand der Gesellschaft Stehenden. Die, für die sonst keiner auch nur einen Blick übrig hatte. Er hat die Menschen in ihrer körperlichen und seelischen Not gesehen – in ihrer Krankheit, ihrer Einsamkeit, in ihrem Unglück und in ihrem Unglücklichsein. Er hat sie auch in ihrer Freude und in ihrem Glück gesehen und es mit ihnen geteilt.

Jesus hat die Menschen um ihn herum gesehen. Er hat sie wahrgenommen – ohne zu kritisieren und zu kommandieren, ohne zu urteilen und ohne auszuteilen. Er hat einfach gesehen und wahrgenommen – den Menschen, der da vor ihm steht. Und das können und sollen wir auch tun. Genau das ist unsere Aufgabe als Christusträger und Christusträgerinnen.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, braucht es nicht viele Worte und auch keine großen Taten. Um diese Aufgabe zu erfüllen, genügt ein einziges kleines Wort, und zwar das Wort „Danke“. Denn in dem Moment, in dem ich einem anderen Menschen danke, sehe ich ihn, nehme ich ihn wahr. Ich nehme ihn wahr mit seinen besonderen Fähigkeiten, mit denen er mir oder einem anderen geholfen hat. Ich nehme ihn wahr mit seinem Einsatz, den er für irgendetwas gebracht hat. Ich nehme ihn war mit seiner Hingabe, seiner Leidenschaft, seiner Begeisterung für eine bestimme Sache. Ich kann einem Menschen überhaupt nur dann danken, wenn ich ihn zuvor gesehen habe. Wenn ich das, was er für mich oder für einen anderen getan hat, wahrgenommen habe. Sonst kann ich ihm nicht danken.

Das Schöne am Danken ist, dass es nicht nur dem anderen guttut, sondern auch mir selbst. Denn im Danken sehe ich mich selbst, ich nehme mich selber wahr, und zwar nicht irgendwie, sondern als einen, der beschenkt worden ist. Als einen, dem etwas zuteil gewordenen ist – sei es nun Zeit oder Geld, Liebe oder Gesundheit, Hilfe oder Bewahrung.

Heute ist der Gedenktag des heiligen Christophorus. Ich denke: Das ist ein guter Tag, um an das Danken zu denken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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