Predigt (Jos 2,1-21)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch Josua im 2. Kapitel:

1 Josua sandte zwei Männer heimlich als Kundschafter aus und sagte ihnen: Geht hin, seht das Land an, auch Jericho. Die gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein.

2 Da wurde dem König von Jericho angesagt: Siehe, es sind in dieser Nacht Männer von den Israeliten hereingekommen, um das Land zu erkunden.

3 Da sandte der König von Jericho zu Rahab und ließ ihr sagen: Gib die Männer heraus, die zu dir in dein Haus gekommen sind; denn sie sind gekommen, um das ganze Land zu erkunden.

4 Aber die Frau nahm die beiden Männer und verbarg sie. Und sie sprach: Ja, es sind Männer zu mir hereingekommen, aber ich wusste nicht, woher sie waren. 5 Und als man das Stadttor zuschließen wollte, da es finster wurde, gingen die Männer hinaus, und ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie ergreifen.

6 Sie aber hatte sie auf das Dach steigen lassen und unter den Flachsstängeln versteckt, die sie auf dem Dach ausgebreitet hatte.

7 Die Verfolger aber jagten ihnen nach auf dem Wege zum Jordan bis an die Furten, und man schloss das Tor zu, als sie draußen waren.

8 Und ehe die Männer sich schlafen legten, stieg Rahab zu ihnen hinauf auf das Dach 9 und sprach zu ihnen: Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. 10 Denn wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt, und was ihr den beiden Königen der Amoriter jenseits des Jordans getan habt, wie ihr an ihnen den Bann vollstreckt habt. 11 Und seitdem wir das gehört haben, ist unser Herz verzagt, und es wagt keiner mehr, vor euch zu atmen; denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden. 12 So schwört mir nun bei dem HERRN, weil ich an euch Barmherzigkeit getan habe, dass auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit tut, und gebt mir ein sicheres Zeichen, 13 dass ihr leben lasst meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern und alles, was sie haben, und uns vom Tode errettet.

14 Die Männer sprachen zu ihr: Tun wir nicht Barmherzigkeit und Treue an dir, wenn uns der HERR das Land gibt, so wollen wir selbst des Todes sein, sofern du unsere Sache nicht verrätst.

15 Da ließ Rahab sie an einem Seil durchs Fenster hinab; denn ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer.

16 Und sie sprach zu ihnen: Geht auf das Gebirge, dass eure Verfolger euch nicht begegnen, und verbergt euch dort drei Tage, bis zurückkommen, die euch nachjagen; danach geht eures Weges.

17 Die Männer aber sprachen zu ihr: So wollen wir den Eid einlösen, den du uns hast schwören lassen: 18 Wenn wir ins Land kommen, so sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns herabgelassen hast, und zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter, deine Brüder und deines Vaters ganzes Haus. 20 Und wenn du etwas von dieser unserer Sache verrätst, so sind wir frei von dem Eid, den du uns hast schwören lassen.

21 Rahab sprach: Es sei, wie ihr sagt!, und ließ sie gehen. Und sie gingen weg. Und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.

Herr, öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort verstehen und aus ihm leben lernen. Amen.

Liebe Gemeinde,

da Wort „Deal“ beherrscht seit Wochen die Nachrichten. Genauer gesagt die Frage: Gibt es einen „Deal“ oder gibt es keinen? Gelingt es der Europäischen Union und Großbritannien, einen „Deal“ bezüglich des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union auszuhandeln, oder gelingt dies nicht? Gibt es stattdessen einen ungeregelten „Brexit“ – mit allem, was dazugehört. Die Chancen, dass ein solcher „Deal“, dass eine solche Vereinbarung zustande kommt, stehen zurzeit nicht so gut. Die Aussicht auf Erfolg ist stark getrübt. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Manchmal stellt man sich allerdings auch die Frage, ob ein „Deal“ von allen Beteiligten überhaupt gewollt ist.

Der heutige Predigttext erzählt auch von einem „Deal“, und zwar von einem gelungenen „Deal“. Er wird zwischen einer in der Stadt Jericho lebenden Prostituierten namens Rahab und zwei israelitischen Spionen ausgehandelt. Zur Erinnerung: Wir befinden uns mit dieser Erzählung am Ende der 40-jährigen Wüstenwanderung des Volkes Israel. Mose ist gestorben und hat die Führung des Volkes an seinen Nachfolger Josua übergeben. Nun stehen die Israeliten vor den Toren des Gelobten, des verheißenen Landes Kanaan. Doch das Land ist bewohnt. Seine Übernahme wird nicht ohne Gewalt abgehen. Den Israeliten eilt der Ruf voraus, unbesiegbar zu sein. Denn sie haben einen mächtigen Gott auf ihrer Seite, der sie trockenen Fußes durch das Schilfmeer geführt und große Könige in ihre Hand gegeben hat. Rahab ist sich sicher: Jericho hat keine Chance gegen sie. Und so ergreift sie beherzt die Initiative: Sie versteckt die israelitischen Spione vor dem Zugriff der Soldaten und bietet ihnen Fluchthilfe an. Im Gegenzug sollen die beiden ihr garantieren, dass sie und ihre Familie bei der Eroberung Jerichos verschont werden. Das ist der „Deal“. Beide Seiten willigen ein und beide Seiten halten Wort. Die Männer können unbehelligt die Stadt verlassen, und Rahab und ihre Familie überleben den Angriff auf Jericho unbeschadet. Mehr noch: Rahab lebt fortan unter dem Volk Israel. Sie heiratet einen Israeliten mit Namen Salmon und wird zur Ururgroßmutter König Davids. Damit gehört sie zu den Vorfahren von Jesus Christus. Im Stammbaum Jesu zu Beginn des Matthäusevangeliums wird sie ausdrücklich erwähnt.

Der heutige Predigttext erzählt von einem „Deal“, von einem gelungenen „Deal“. Sein Erkennungszeichen ist ein rotes Seil. An ihm lässt Rahab die Spione aus dem Fenster ihres Hauses, das direkt an der Stadtmauer gebaut ist, nach draußen. Und es hängt wieder dort, als das Volk Israel die Stadt Jericho erobert. Dieses rote Seil ist aber nicht nur ein Erkennungszeichen, sondern es ist auch und vor allem ein Zeichen des Vertrauens. Es ist zum einen ein Zeichen des Vertrauens zwischen Menschen, und zwar zwischen Menschen, die sich fremd sind, die sich eigentlich sogar feindlich gegenüber stehen. Rahab und die beiden israelitischen Spione kennen einander nicht, sie begegnen sich in dieser Nacht zum ersten Mal. Das, was sie voneinander wissen, ist nicht gerade vertrauenerweckend: die eine Prostituierte und Verräterin an den eigenen Landsleuten, die anderen fremde Eindringlinge in kriegerischer Mission. Das ist nicht gerade die beste Ausgangsbasis für ein Vertrauensverhältnis, von dem Leben oder Tod abhängen. Und dennoch: Beide Seiten vertrauen einander. Beide Seiten wagen das Vertrauen. Und sie werden nicht enttäuscht.

Zum anderen ist das rote Seil ein Zeichen des Gottvertrauens. Rahab vertraut in jener Nacht nicht nur den beiden israelitischen Spionen, sondern sie vertraut auch deren Gott. Sie vertraut damit einem für sie fremden Gott. Sie vertraut einem Gott, von dem sie nur weiß, dass er sein Volk machtvoll aus Ägypten bis heirher geführt hat. Und dennoch: Sie vertraut sich ihm an – ihr eigenes Leben und das ihrer ganzen Familie. Vielleicht kamen Rahab nach dem Weggang der Spione Zweifel an ihrer Entscheidung. Doch für Zweifel ist es nun zu spät. Sie hat alles auf eine Karte gesetzt. Sie hat alles auf den Gott Israels gesetzt – auf den Gott, der Macht hat im Himmel und auf Erden. Rahab kann nicht mehr zurück. Es bleibt ihr nur, diesem fremden Gott ganz und gar zu vertrauen. Und das tut sie. Sie vertraut. Und sie wird nicht enttäuscht.

Das rote Seil ist auch und vor allem ein Zeichen des Vertrauens – des Vertrauens zwischen Menschen und des Vertrauens auf Gott. Ein solches rotes Seil besteht aus vielen einzelnen roten Fäden. Und solche roten Fäden sind sprichwörtlich geworden. Sie ziehen sich durch alles Mögliche hindurch. Sie lassen sich überall entdecken. Rote Fäden ziehen sich auch durch unser Leben hindurch. Warum nicht einmal den roten Fäden des Vertrauens in unserem Leben nachspüren? Warum sich nicht einmal ganz bewusst fragen: Wo habe ich in meinem Leben vertraut, wo habe ich Vertrauen gewagt – Vertrauen zu anderen Menschen und zu Gott? Wo bin ich für mein Vertrauen belohnt worden, was habe ich dadurch alles gewonnen? Und daneben auch die andere Frage: Wo könnte und müsste ich viel mehr Vertrauen wagen, wo sollte ich neue rote Fäden des Vertrauens knüpfen – zu Menschen, die ich kenne, ebenso wie zu Menschen, die mir unbekannt sind; zu Gott, der mir seit Kindertagen an vertraut ist, ebenso wie zu Gott, der mir fremd oder fremdgeworden ist?

Manche rote Fäden des Vertrauens, die sich durch unser Leben ziehen, sind vielleicht auch gerissen. Manchmal erweist sich Vertrauen als nicht tragfähig. Manchmal wird es nicht belohnt. Manchmal wird es sogar enttäuscht – von Menschen und allem Anschein nach auch von Gott. Manches Vertrauen geht im Laufe der Zeit auch einfach verloren, bleibt still und heimlich auf der Strecke. Doch vielleicht lassen sich die beiden Enden eines solchen zerrissenen roten Fadens des Vertrauens noch greifen. Vielleicht lassen sich die beiden Enden noch finden und wieder zusammenknoten. Da könnte man dem anderen noch einmal eine Chance geben, da könnte man vergeben, was war – auch wenn man es nicht vergessen kann. Da könnte man auch Gott noch einmal eine Chance geben, es noch einmal neu mit ihm versuchen – auch wenn man vieles nicht versteht, auch wenn vieles scheinbar keinen Sinn ergibt. Und warum sollte man dies tun? Warum sollte man noch einmal Vertrauen wagen? Weil es jede Mühe, jeden Einsatz, jedes Risiko Wert sein könnte. Weil es – wie in der Erzählung von Rahab und den beiden Spionen – das Leben entscheidend verändern könnte.

Der heutige Predigttext erzählt von einem „Deal“, von einem gelungenen „Deal“. Er wurde möglich durch das Vertrauen – durch das Vertrauen, das Menschen sowohl einander als auch Gott entgegengebracht haben. Ohne Vertrauen, ohne Gottvertrauen kein „Deal“. Vielleicht sollte sich das auch der eine oder andere Politiker zu Herzen nehmen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

Zusätzliche Informationen