Gottesdienst am 22.03.2020

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig,

Versöhnungskirche-Matthäuskirche Fulda)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag trägt den lateinischen Namen „Lätare“ – zu Deutsch „Freuet euch“. Das ist eine ungewöhnliche Aufforderung inmitten der Passionszeit und inmitten der momentanen Situation. Aber der heutige Sonntag ist von alters her ein kleiner „Freudensonntag“, ein Vorgeschmack auf Ostern, auf die Überwindung des Todes durch das Leben. Der heutige Sonntag ist zugleich ein „Trostsonntag“. Davon zeugt der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja im 66. Kapitel. In ihm findet sich der bekannte Vers: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Wie tröstet eine Mutter?

Mir selbst war der Trost meiner Mutter immer sicher. Er war für mich selbstverständlich. Er war immer da, wenn ich ihn gebraucht habe. Und er ist noch heute immer da. Doch was genau macht den Trost einer Mutter aus? Wie tröstet eine Mutter? Der Prophet Jesaja gibt darauf leider keine Antwort. Daher bin ich auf Spurensuche gegangen – auf Spurensuche in meiner eigenen Kindheit und in der Kindheit anderer Menschen, auf Spurensuche in meinem eigenen Leben und im Leben anderer. Und ich bin fündig geworden. Ich habe zwei Dinge entdeckt, die beschreiben, wie eine Mutter tröstet. Genauer gesagt: Wie eine Mutter trösten sollte. Denn nicht allen Müttern gelingt das Trösten gleichermaßen. Und manche vermögen es vielleicht auch gar nicht. Dann muss man den Vers aus dem Jesajabuch anders hören, nämlich so: „Gott spricht: Ich will dich besser trösten, als eine Mutter tröstet.“

Eine Mutter lässt nicht allein

Doch wie sollte eine Mutter trösten? Und wie trösten tagein tagaus unzählige Mütter ihre Kinder? Zum einen trösten sie, indem sie nicht allein lassen. Mütter wissen: Den, der traurig ist, den darf man nicht allein lassen. Sondern den muss man in die Arme nehmen, ihn fest an sich drücken und seinem Schmerz und seinen Tränen Raum und Zeit geben – seinem Schmerz und seinen Tränen über das aufgeschlagene Knie nach einem Sturz, über eine schlechte Note in der Schule, über eine verpatzte Bewerbung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, über eine vertane Chance oder über eine zerbrochene Beziehung. Seinem Schmerz und seinen Tränen über Menschen und über das Leben – über das Leben, das auch Schattenseiten hat, das auch wehtun kann.

Trost und Eile vertragen sich nicht

Dem Schmerz und den Tränen Raum und Zeit geben – vor allem Zeit. Denn Schmerz und Tränen brauchen Zeit. Trost braucht Zeit. Trost und Eile vertragen sich nicht. Und eine Mutter nimmt sich Zeit. Sie hat keine Eile, wenn es darum geht zu trösten. Sie lässt sich unterbrechen in dem, was sie gerade tut. Denn sie weiß: Für den, der traurig ist, muss man jetzt Zeit haben – in diesem Moment, nicht irgendwann später. Schmerz und Tränen brauchen zunächst einmal auch keine Erklärungen, keine Vorschläge, keine Ratschläge, sondern einfach Zeit – so viel Zeit, bis der Schmerz in den Armen der Mutter erträglich wird, bis die Tränen weniger werden. Einfach deshalb, weil sie da ist. Einfach deshalb, weil man nicht damit allein ist.

Gott hat Zeit

Und genau so tröstet Gott. Er ist da und er hat Zeit. Er hört unsere Klagen und unsere Anklagen, er sieht unseren Schmerz und unsere Tränen und er hält das mit uns aus. In seiner Gegenwart ist dafür Raum und Zeit, bis die Situation erträglich wird. Einfach deshalb, weil er da ist. Einfach deshalb, weil wir in und mit dem Leben nicht allein sind. Und Gott kennt dieses Leben. Er hat es mit uns geteilt. In Jesus Christus hat er gelebt und gelitten – an Menschen und an Situationen, an Unverständnis und Unglauben, an Ablehnung und Verrat, an Einsamkeit und Verlassenheit. In Jesus Christus ist er sogar gestorben. Er hat auch das Ende des Lebens mit uns geteilt.

Eine Mutter sieht weiter

Eine Mutter tröstet aber nicht nur dadurch, dass sie nicht allein lässt, sondern sie tröstet auch dadurch, dass sie weiter sieht. Dass sie es nicht dabei belässt, sondern auch eine Zukunftsperspektive eröffnet. Wenn das Knie aufgeschürft oder die Puppe kaputt gegangen ist, wenn die Arbeit trotz Lernens schiefgegangen oder der schlimmste Liebeskummer aller Zeiten über einen gekommen ist, dann nimmt die Mutter einen nicht nur in die Arme und drückt einen fest an sich, bis es irgendwann besser wird, sondern sie nimmt auch die Hände in ihre eigenen, schaut einem fest in die Augen und sagt: „Da kleben wir jetzt ein Pflaster drauf!“ oder „Die Puppe bringen wir jetzt zum Puppendoktor!“ oder „Beim nächsten Mal wird die Arbeit besser!“ oder „Andere Mütter haben auch schöne Söhne!“. Eine Mutter bringt in die Sorgen und Ängste, in die Traurigkeiten und Enttäuschungen eine Zukunftsperspektive hinein. Und dadurch kann man aufatmen. Die Knoten der Trauer und der Verzweiflung beginnen sich zu lösen. Denn es ist jemand da, der weiter schaut, als man es selbst in diesem Moment vermag. Es ist jemand da, der dafür bürgt, dass das Leben irgendwie weitergeht.

Auch Gott eröffnet eine Zukunftsperspektive

Und genau so tröstet Gott. Er eröffnet mir eine Zukunftsperspektive: Er vergibt mir und schenkt mir einen Neuanfang, macht mich selbst zur Vergebung fähig. Er gibt mir Richtung und Orientierung, zeigt mir in seinem Wort Wege, die ich gehen kann. Er gibt mir in seinen Geboten Weisung für ein gelingendes Leben und Zusammenleben. Und schließlich: Er eröffnet mir durch die Auferstehung seines Sohnes eine Zukunft, der selbst der Tod nichts anhaben kann.

Das Problem mit dem Trost

Es gibt dabei allerdings ein Problem. Jeder Trost hat eine Voraussetzung: Um Trost erfahren zu können, muss ich mir eingestehen, dass ich bedürftig bin, dass ich Trost brauche. Und nicht nur das: Ich muss mich auch auf den Weg machen. Als Kind war das alles kein Problem. Wenn ich traurig oder verletzt oder enttäuscht war, führte der erste Weg zu meiner Mutter, um mich trösten zu lassen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, auf ihren Trost zu verzichten. So zu tun, als bräuchte ich ihn nicht. Als würde ich allein mit meinem Schmerz klar kommen. Für Erwachsene scheint das nicht mehr so einfach zu sein. Wir mögen es uns anscheinend nicht mehr so gern eingestehen, dass wir Trost nötig haben. Wir meinen oft, allein mit unseren Sorgen und Nöten klar zu kommen. Alles selbst im Griff zu haben. Oder laufen Sie ganz automatisch zu Gott – so wie früher zur Mutter? Dann, wenn Sie traurig oder verletzt oder enttäuscht sind – über das Leben, sich selbst oder andere Menschen? Dann, wenn Sie Angst vor der Zukunft haben oder Angst zu versagen? Dann, wenn Sie um Selbstwert ringen, weil der Arbeitsplatz verloren gegangen ist? Wenn Sie die Leere nach einer gescheiterten Beziehung oder nach dem Verlust eines geliebten Menschen spüren? Wenn Streit und Unfriede Sie bedrücken oder wenn Krankheit und Schmerzen Sie quälen? Laufen Sie dann zu Gott – so selbstverständlich wie früher zur Mutter?

Sich auf den Weg machen

Nun sollen wir uns in diesen Tagen möglichst nicht auf den Weg machen, sondern zu Hause bleiben. Daher müssen wir unter Umständen auch auf Möglichkeiten verzichten, uns von jemandem trösten zu lassen. Auf Gottes Trost müssen wir allerdings nicht verzichten – egal, wie sich die gegenwärtige Situation auch entwickeln mag. Zu ihm können wir uns immer und immer wieder auf den Weg machen – wie ein Kind zu seiner Mutter. Um dann das zu erfahren, was uns Gott heute durch den Propheten Jesaja ausrichten lässt: „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Komm und probiere es aus!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

Amen.

 

Gebet

Ostern ist oft weit weg, Gott.

Auch in unserem Leben.

Da ist mehr Sterben als Aufblühen,

mehr Nacht als Tag.

Du sagst uns,

dass es in allem Tod schon heute ein österliches Aufstehen gibt,

dass in allem Sterben eine Frucht wachsen kann, die bleibt.

Das tröstet uns und macht uns froh.

Wir wollen diese Freude weitergeben

und die trösten, die nichts davon spüren,

weil sie traurig und mutlos sind oder keinen Ausweg sehen.

Du hast sie alle vor Augen:

Vielleicht haben sie Angst um ihren Arbeitsplatz.

Vielleicht sind sie krank.

Vielleicht haben sie einen lieben Menschen verloren.

Vielleicht sind sie in einer persönlichen Krise.

Vielleicht haben sie Zweifel bekommen an dir, Gott.

In der Stille bringen wir sie vor dich.

Danke, Gott, dass wir zu dir kommen können

mit allem, was uns bedrückt und bewegt.

Dir vertrauen wir uns an durch Jesus Christus.

In seinem Namen beten wir:

 

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.

 

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen.

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