Gottesdienst am 17. Mai 2020 (Rogate) von Pfarrerin Laura Baumgart

 

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst am Sonntag Rogate. Rogate heißt: Betet!

Laut oder leise, gemeinsam oder mit anderen, frei oder mit geprägten Worten -

der heutige Sonntag ruft uns zu: Es ist egal, wie ihr betet. Die Hauptsache ist, dass ihr betet!

Ich bete gerne und ich bete viel. Ich habe das Beten schon früh in die Wiege gelegt bekommen: Meine Eltern haben mit mir jeden Abend vor dem Schlafengehen gebetet.

Müde bin ich, geh zur Ruh’

schließe meine Augen zu
Vater, lass die Augen dein

über meinem Bette sein…

Und doch muss ich gestehen, dass auch ich trotz jahrelanger Übung an manchen Tagen vergesse zu beten. Obwohl ich gerade dann mehr als genug Grund dazu hätte, weil das Leben anstrengend ist (und ich einen Moment der Stille mit Gott gut gebrauchen könnte). Oder weil ich mich über jemanden ärgere (und Gott davon erzählen sollte, um wieder runterzukommen) oder auch, weil das Leben gerade so unfassbar schön ist (und ich Gott dafür danken sollte).

An anderen Tagen sehne ich mich richtig danach, mir den einen Moment der Stille zu gönnen und mich ins Gebet zu vertiefen - und wenn es soweit ist, fehlen mir manchmal die richtigen Worte. Meine Gedanken kreisen, doch ich kann sie nicht in ein Gebet fassen. Dann vertraue ich darauf, dass Gott auch mein Schweigen hört, wenn mir die Worte zum Gebet fehlen. Denn ich glaube fest daran, dass er alle unsere Gebete wahr nimmt, egal in welcher Form, und dass unser Gebet schon seinen Weg zu ihm findet, ohne dass wir viel dafür tun müssen.

In unserem neuen Gesangbuch EG-Plus steht ein Gebet, dass dieses Sehnen nach einer Zeit mit Gott ausdrückt. Es wurde mit einer wunderschönen Melodie unterlegt und wird deswegen immer häufiger in unseren Gottesdiensten gesungen. Ich lade Sie herzlich ein, die erste Strophe mitzusingen:

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.

Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.

In Sorge, im Schmerz, sei da, sei uns nahe Gott!

Was man in jedem Gebet tut, ist, etwas von sich selbst preiszugeben. Man zeigt sich - vor Gott und vor sich selbst. Und das ist nicht immer der bequemste Weg. Manchen Menschen fällt das Beten deshalb schwer, manche finden es irgendwie komisch oder sogar peinlich ihr Herz zu öffnen, die Geheimnisse auszusprechen, mögliche Fehler zu gestehen. Nicht selten erkenne ich im Gebet etwas über mich selbst, dass mir nicht gut gefällt. Das hättest du anders machen können, da hättest du freundlicher sein können, das ist dir nicht gelungen… An solchen Erkenntnissen habe ich manchmal richtig zu knabbern. Mir hilft dann oft nur eins: Ich muss Gott um Verzeihung bitten und versuchen, meinen Lebensweg in Zukunft anders zu gehen.

Jesus hat immer wieder zum Beten aufgerufen. Probiert es einfach mal aus, sagte er, ihr werdet schon feststellen, wie viel Kraft in einem einzigen Gebet liegt! Er sagte zu seinen Jüngern: Amen, amen, das sage ich euch: Alles, worum ihr den Vater in meinem Namen bittet, das wird er euch geben! Bittet und ihr werdet es bekommen. (Joh 16,23) Wer in seinem Namen bittet, so verspricht Jesus, der stößt bei Gott nicht auf taube Ohren.

An einer anderen Stelle in der Bibel hat Jesus genaue Angaben gemacht, wie und was wir beten sollen. Es müssen nicht viele Worte sein, sagte Jesus. Ihr sollt schließlich nicht plappern, sondern beten. Er sagte es so (Mt 6,1-13)

Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten,

um von ihnen gesehen zu werden;

ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen,

wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen,

damit sie von den Leuten gepriesen werden.

Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen verborgen bleibe;

und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler,

die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen.

Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein

und schließ die Tür zu

und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist;

und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden;

denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen.

Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Ich habe unsere Konfirmanden gefragt, wie sie diesen Text verstehen. Was Jesus mit diesen Worten meint und was diese Bibelstelle für das Leben der Konfis bedeuten könnte. Ihre Antworten waren ganz erstaunlich: klug, durchdacht und auf den Punkt gebracht:

„Man sollte einem Menschen, der aus irgendwelchen Gründen Hilfe braucht, nicht helfen, um danach überall für seine Taten bewundert zu werden, sondern aus reiner Nächstenliebe. Man muss nicht anderen Menschen davon erzählen, denn so eine Tat hat auch für Gott einen viel größeren Wert, wenn sie für einen selbstverständlich ist.“ (Tarja M.)

„Mit Unser Vater im Himmel ist Gott gemeint. Wir, sein Volk, sollen seinen Namen heiligen.“ (Thore D.)

„Es geht darum, dass man immer gerecht sein muss. Man sollte nicht gerecht sein, um Anerkennung zu erlangen, denn Gott belohnt dies nicht. Nicht die Tat an sich wird nicht belohnt, sondern die Motivation, dadurch Anerkennung erlangen zu wollen.“ (Felix F.)

„Jesus sagt, man soll nicht wie die Scheinheiligen beten, weil sie auf der Straße und in den Synagogen beten, obwohl sie ihren Lohn schon haben!“ (Max B.)

„Frömmigkeit ist nicht dazu da, um in der Öffentlichkeit zu prahlen. Damit verliert sie an Wert, weil der Vater dieses Verhalten nicht belohnt. Deshalb ist es wichtig, für sich selbst und nicht für andere fromm zu sein.“ (Lea S.)

„Jesus will uns mit dieser Bibelstelle sagen, dass Gott sein Heil allen Menschen schenkt. Wenn Gottes Wille geschieht, wird es keinen Krieg, keine Ungerechtigkeit und keinen Hunger mehr geben.“ (Karina G.)

„Das Beten besteht nicht darin, auf öffentlichen Plätzen mit vielen Wörtern zu prahlen. Ein Gebet findet zwischen unserem Vater und uns statt. Er kennt und versteht uns auch ohne Worte!“ (Lara S.)

„Jesus will uns sagen: Egal, wann und wo wir beten, egal, wie viele Worte - Gott wird uns zuhören. Denkt nicht, ihr müsst Aufmerksamkeit mit vielen Worten erregen. Gott wird euch verstehen!“ (Michel K.)

Was mir im Gespräch mit den Konfis wieder einmal aufgegangen ist, ist, dass es zwar kein „richtiges“ Gebet und kein „falsches Gebet“ gibt. Aber dass das Beten doch gewisse Regeln hat.

Scheinheiligkeit, Prahlerei und der Versuch, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen haben beim Beten keinen Platz. Beten braucht einen festen Platz im Alltag. Und beten muss geübt werden!

Beten ist damit eher eine Haltung, die der gläubige Mensch an den Tag legt. Es ist eine Haltung, wie ich mein Leben leben möchte und wie ich meinen Tag gestalte: Nehme ich mir Zeit, um mein Herz für Gott zu öffnen? Um mein Leben mit ihm zu teilen?

Wenn ich das tue und zwar nicht aus einer Scheinheiligkeit oder einem Pflichtgefühl heraus, dann verändere ich mich innerlich und äußerlich. Dann spüre ich die Kraft des Gebets. Dann erlebe ich, wie Gott meine Last von den Schultern hebt. Wie er meine aufgeschreckte Seele zur Ruhe bring. Wie sich in Gottes Anwesenheit ein warmes Gefühl von Fürsorge und Geborgenheit um mich legt.

Ich halte Gott mein Herz hin mit all dem, was jetzt in mir auftaucht. Ich möchte vor Gott nichts verbergen, denn vor ihm darf alles sein. In seinem liebenden Blick verliert all das Negative in mir an Macht. Es ist noch da, aber es hat mich nicht mehr im Griff. Der Blick auf Gottes Barmherzigkeit befreit mich von dem Kreisen um meine Schuldgefühle und Gedanken. Ich höre auf, mich selbst zu verurteilen, weil Gott mich annimmt. Bedingungslos.

„Wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.“

(1 Joh 3,20)

 

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