Ansprache zum Weihnachtsmusical „Alles ist anders!“

Liebe Gemeinde,

als Gott Mensch geworden ist – in dem Kind in der Krippe, da ist für ihn alles anders geworden. Als Gott Mensch geworden ist, da hieß es für ihn: Erde statt Himmel, Armut statt Reichtum, Krippe statt Thron, die Angewiesenheit eines neugeborenen Kindes statt göttlicher Macht und Herrlichkeit.

Durch die Corona-Pandemie ist für uns auch alles anders geworden. Für viele heißt es: Einsamkeit statt Miteinander, Angst und Unsicherheit statt dem Leben in seinen gewohnten Bahnen. Ausnahmezustand statt Alltag. Und deshalb wünschen sich viele ihr altes Leben, ihr Leben „vor Corona“ zurück – vielleicht mit Ausnahme von ein paar Dingen, die sich als positiv herausgestellt haben.

Ich bin davon überzeugt: Gott hat sich, nachdem er hier auf der Erde angekommen ist, sein altes Leben nicht zurückgewünscht. Ich bin sogar davon überzeugt: Er würde es jederzeit wieder so machen und Mensch werden. Warum ist das bei Gott so?

Ich denke, es liegt daran, dass Gott es so wollte. Er hat freiwillig auf Himmel, Reichtum, Macht und Herrlichkeit verzichtet – ohne Zwang. Das bedeutet nicht, dass er ohne Grund darauf verzichtet hätte. Sein Grund war die Liebe – die Liebe zu uns Menschen. Und die Liebe zwingt nicht.

Demgegenüber ist für uns ist in den letzten Monaten unfreiwillig alles anders geworden. Wir haben diese Pandemie und die Veränderungen, die sie mit sich gebracht hat, nicht gewollt. Wir hatten auch keinen oder kaum Einfluss darauf, was und in welchem Umfang sich verändert. Und das macht einen Unterschied. Das macht vielleicht sogar den entscheidenden Unterschied. Doch was können wir da tun? Können wir da überhaupt etwas tun?

Viele Menschen sagen: „In diesem Jahr ist mir gar nicht nach Weihnachten zumute.“ Eben weil alles anders ist. Warum machen wir an diesem Weihnachtsfest nicht noch etwas ganz anders als sonst – neben all dem anderen, was ohnehin schon anders ist? Aber dieses Eine machen wir dann nicht gezwungenermaßen anders, nicht weil wir es müssen, nicht weil es von uns erwartet oder verlangt wird. Sondern dieses Eine machen wir deshalb anders, weil wir es wollen. Oder noch besser: Wir machen dieses Eine – so wie Gott – aus Liebe anders. Wir nehmen uns Zeit. Zeit füreinander – Zeit zum Reden, Zeit zum Zuhören, Zeit zum Weinen, Zeit zum Lachen. Wir verzichten – auf das letzte Wort, auf das Recht-Haben-Wollen, auf das Handy oder die Fernbedienung unseres Fernsehers. Wir kommen in Bewegung – hinaus an die frische Luft, aufeinander zu, in Balance mit sich selbst. Ich könnte mir vorstellen: Auf diese Weise kommen wir Weihnachten, kommen wir Gott selbst ein großes Stück näher.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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