Predigt Christmette (Stille)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Stille Nacht, heilige Nacht“ – kein Weihnachten ohne dieses Lied. Auch in diesem Jahr nicht. Obwohl wir es in diesem Jahr nicht gemeinsam singen können. Doch was es hat mit der Stille eigentlich auf sich – in der heiligen Nacht und überhaupt? Muss die heilige Nacht unbedingt still sein?

Die Sache mit der Stille ist nicht so eindeutig. Die einen mögen und genießen sie. Sie sehnen sich regelrecht danach. Die anderen meiden sie. Manche fürchten sie sogar. Die Stille gab sogar einmal den Stoff für einen Horrorfilm ab. Der Regisseur bemerkte dazu in einem Interview: „In unserer Welt glauben wir ja immer, das Schlimmste sei der Lärm und wir würden darunter ganz furchtbar leiden. Es gibt aber etwas, was noch schlimmer ist als Lärm – und das ist die Stille. Damit können wir ganz schwer umgehen.“ Ich denke, da ist etwas Wahres dran.

Wie ist das eigentlich mit Gott? Mag er die Stille oder mag er den Lärm? Ist Gott eher leise oder laut? Und wie sollen wir am besten auf Gott reagieren: leise oder laut? Ich habe einmal den Satz gehört: „Nur an einer stillen Stelle legt Gott seinen Anker an.“ Stimmt das?

Wenn man sich in der Bibel einmal genauer umschaut, dann stellt man fest, dass es eine eindeutige Antwort auf diese Fragen nicht gibt. Denn auf der einen Seite geht es in der Bibel recht laut zu und andererseits vollzieht sich Entscheidendes in der Stille. Es gibt in der Bibel zum Beispiel die ausdrückliche Forderung, nicht still zu sein. Dann nämlich, wenn Menschen Gottes Größe und Herrlichkeit erfahren haben. Dann sollen sie diese Erfahrung laut weitergeben, damit alle sie hören. Dann sollen sie diese Erfahrung laut weitergeben, weil sie viel zu wichtig ist, als dass man sie für sich behalten, als dass man dieses „Licht unter den Scheffel“ stellen dürfte.

Auch wenn Menschen Gott loben und preisen wollen, darf es nach Aussage der Bibel gern etwas lauter zugehen. In einer modernen Übertragung von Psalm 150 heißt es zum Beispiel:

„Unser Gottesdienst in der Gemeinde soll ein einziges fröhliches Danklied ein.

Tanzen sollen die Menschen, singen,

die Pauken und die Harfen sollen sie nehmen,

die Violinen und die Celli,

die Orgel und die E-Gitarre,

die Trommeln und die Mandolinen,

und wenn es nichts anderes gibt:

dann auch die Kochlöffel und Deckel,

den Kamm und die trommelnden Finger.

Zu hören soll es sein:

Unsere Freude, dass Gott sich um uns kleine Menschen liebevoll sorgt.“

Mit anderen Worten: Die Freude an Gott, die Freude über Gott ist ganz und gar nicht still.

Und schließlich: Gott selbst offenbart sich in der Bibel oft recht lautstark, bisweilen sogar dramatisch. Dem Volk Israel erscheint Gott am Berg Sinai in Donner und Blitz, Feuer und Rauch und in einem großen Beben. Hiob offenbart er sich in einer gewaltigen Rede. Und manch ein Prophet vergleicht das Erscheinen Gottes mit dem Brüllen eines Löwen.

Doch die Bibel erzählt auch von der Stille und ihren Möglichkeiten. Sie erzählt davon, wie der Prophet Elia Gottes Dasein eben nicht im Sturm, im Feuer oder im Erdbeben erfährt, sondern in einem „stillen, sanften Sausen“. Sie kennt auch den stillen Lobpreis: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion“, heißt es in Psalm 65.

Darüber hinaus beschreibt die Bibel die Stille als ein Zur-Ruhe-Kommen – als ein Zur-Ruhe-Kommen des Herzens: „Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter.“ (Psalm 131,2) Doch diese Ruhe ist nicht selbstgemacht. Sie kann nicht selbst gemacht werden. Gott ist es, der unser Herz zur Ruhe kommen lässt. So wie es in der Erzählung von der Sturmstillung beschrieben ist: „Und Jesus stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille.“ (Matthäus 8,26). Der Kirchenvater Augustinus hat das begriffen und gesagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, Gott.“

Und die Bibel berichtet auch davon, dass Stille ein Zeichen des Vertrauens ist. Denn in Zeiten der Bedrohung soll das Volk Israel nicht immer zu den Waffen greifen, sich Verbündete suchen oder anderweitig aktiv werden. Bisweilen wird ihm auch die Stille aufgetragen bzw. abverlangt. Dann heißt es: „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“ (2. Mose 14,14). Es gilt also zu unterscheiden – zwischen Momenten, wo wir mit unserem Handeln gefragt sind, und solchen, wo Gott handeln will und wir still sein sollen. Wo wir vertrauen, nach oben schauen und ihn machen lassen sollen.

Doch was bedeutet das alles für die heilige Nacht? Muss sie unbedingt auch eine stille Nacht sein? Die heilige Nacht ist die Nacht, in der Gott Wohnung genommen hat in unserer Welt. Nun ist es an uns, ihm in unserem Leben eine Herberge, ihm in unserem Leben einen Raum zu geben. Und dabei kann uns die Stille helfen. Denn sie ist nicht nur die Abwesenheit von Lärm, sie ist nicht nur die Gelegenheit, Dinge zu hören, die im lauten Leben leicht übertönt werden. Sondern die Stille ist auch eine Haltung. Sie ist eine Haltung liebevoller Achtsamkeit gegenüber Gott. Sie ist unser Beziehungsangebot an Gott – Ausdruck der Bereitschaft, Gott in unserem Leben eine Herberge, ihm in unserem Leben einen Raum zu geben. Sich von ihm in unserem Alltag unterbrechen zu lassen, unser Hören und Sehen für ihn und sein Wirken zu öffnen. Uns ihm zur Verfügung zu stellen und zu sagen: „Dieser Moment ist für dich, Gott. Du hast schon so oft auf mich gewartet, schon so oft an meine Tür geklopft und ich habe dich nicht gehört. In diesem Moment möchte ich für dich da sein.“

Es gibt allerdings in Bezug auf die Stille keinen Automatismus. Es funktioniert mit der Stille nicht nach dem Motto: „Ich bin still, also redet Gott.“ Ich bin zwar davon überzeugt, dass Gott nur darauf wartet, zu uns durchzudringen und dass er gerne in der Stille redet. Doch Gott ist und bleibt der Herr seiner Rede. Sein Geist weht, wo er will. Wir können ihm die Herberge, den Raum in unserem Leben nur anbieten. Oder wie es die Schriftstellerin Hilde Domin ausgedrückt hat: Wir können nur „nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ Doch wo wir das tun, da wird jeder Abend zum heiligen Abend und jede Nacht zu einer heiligen Nacht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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