Predigt (Lk 2,15-20)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

heute am 1. Weihnachtsfeiertag sind die Geschenke ausgepackt – die meisten zumindest. Die meisten Geschenke sind ausgepackt und nun sind sie da. Und damit stellt sich die Frage: Was machen wir mit ihnen? Für Kinder ist die Frage in der Regel einfach zu beantworten: Sie benutzen ihre Geschenke. Sie spielen mit ihnen. Sie leben mit ihnen. Wir Erwachsene wissen demgegenüber oft nicht so recht, was wir mit unseren Geschenken anfangen sollen. Sie einsetzen? Sie in den Schrank stellen? Uns von ihnen trennen – weil sie uns nicht gefallen oder weil wir sie einfach nicht gebrauchen können?

Mit dem Kind in der Krippe verhält es sich ähnlich wie mit unseren Geschenken. Es ist gestern geboren worden und nun ist es da. Und auch hier stellt sich die Frage: Was machen wir mit ihm? Mit ihm leben, unser Leben auch ein Stück weit von ihm prägen und bestimmen lassen, wie das bei jedem neugeborenen Kind der Fall ist? Oder es zurück in den Schrank stellen – bis zum nächsten Jahr? Oder uns ganz von ihm trennen, weil es uns nicht gefällt, weil es nicht zu uns passt, weil wir mit ihm einfach nichts anfangen können? Was machen wir mit diesem Weihnachtsgeschenk, mit dem eigentlichen Weihnachtsgeschenk? Was machen wir mit dem Kind in der Krippe?

Vielleicht können wir diese Frage etwas leichter beantworten, wenn wir uns anschauen, was die Menschen am allerersten Weihnachtsfest – damals vor rund zweitausend Jahren – mit dem Kind in der Krippe gemacht haben. Wie sie auf dieses „Geschenk“ reagiert haben. Wir haben es soeben in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas gehört.

Da sind zunächst einmal die Hirten. Für sie kam dieses Kind im wahrsten Sinne des Wortes „aus heiterem Himmel“. Nachdem die Hirten die Botschaft des Engels gehört haben, sind sie neugierig geworden. Sie wollen sich mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen, dass dieses Kind tatsächlich geboren ist, und machen sich auf den Weg zu ihm. Und als sie bei ihm ankommen, berichten sie seinen Eltern, wer ihr Kind nach Aussage des Engels sei. Und nicht nur Maria und Josef erzählen sie es, sondern jedem Menschen, der ihnen begegnet. Und dann kehren die Hirten wieder nach Hause zurück – zurück in ihren Alltag, zurück in ihr altes Leben. Sie fragen nicht danach, ob sie noch etwas länger oder ganz in der Nähe dieses Kindes bleiben dürfen. Sie sind ein sehr eiliger Besuch an der Krippe. Von besinnlicher Weihnacht ist in Bezug auf sie nicht viel zu spüren. Für sie scheint von vornherein festzustehen: Wir gehen wieder nach Hause, wir gehen wieder zurück in unseren Alltag. Aber sie spüren auch: Unser Alltag wird nach dieser Nacht nicht mehr derselbe sein, obwohl er sich rein äußerlich nicht verändert hat. Und für diese Veränderung, die sie noch gar nicht fassen, noch gar nicht benennen können, loben sie Gott, stimmen sie ein in den Lobgesang der Engel.

Zum anderen ist da Maria. Während die Hirten ein wenig Hektik an der Krippe verbreiten, scheint Maria die Ruhe selbst zu sein. Während die Hirten vor allem äußerlich bewegt sind, ist sie es innerlich. Ihre Auseinandersetzung mit dem Kind geschieht ganz in der Stille, geschieht ganz in ihr selbst. „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“, heißt es von ihr. Sie hört sich die Erzählung der Hirten an – die Botschaft des Engels, die für sie nicht neu ist. Sie nimmt sich erneut zu Herzen, was sie mit Gott erlebt. Sie versucht nicht, dies mit dem Verstand zu begreifen. Sondern sie senkt die Worte tief in ihr Herz ein und vertraut darauf, dass deren Sinn ihr zu seiner Zeit offenbar wird. „Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Das scheint eine Art Grundhaltung Marias gegenüber Gott und seinem Wort zu sein und nicht nur eine weihnachtliche Geste. Das scheint mehr als die Ergriffenheit einer Mutter angesichts der Geburt ihres Kindes zu sein. Denn mit diesen Worten beschreibt der Evangelist Lukas auch Marias Reaktion auf den Auftritt Jesu als Zwölfjähriger im Tempel. Als dieser sich nicht mit seinen Eltern auf den Heimweg nach Nazareth machte, sondern im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutierte und seiner Mutter später eröffnete, dass er doch in dem sein müsse, was seines Vaters ist. Dem Wort Gottes im Herzen einen Nährboden geben und darauf vertrauen, dass es im Verborgenen wächst, reift und eines Tages Frucht bringt – das ist Marias Reaktion auf das Kind in der Krippe. Das ist ihre Haltung, ihre Lebenshaltung.

Und dann sind da noch die anderen, denen die Hirten von ihren nächtlichen Erlebnissen erzählen – von der Botschaft des Engels und dem Kind in der Krippe. Diese werden nicht näher beschrieben. Von ihnen heißt es lediglich, dass sie sich wunderten. Dass sie staunten. So gehen sie mit diesem „Geschenk“, so gehen sie mit dem Kind in der Krippe um. Das Wort „staunen“ bedeutet ursprünglich „starr sein“. Die Menschen, die sich da über die Kunde der Hirten wundern, machen nicht einfach mit ihrem Tagewerk weiter, sondern sie halten einen Moment lang inne. Sie erstarren für einen Moment. Wie es dann mit ihnen weitergeht, wird nicht berichtet. Ob sie sich auch auf den Weg zur Krippe gemacht haben, um dieses „Wunder“ selbst zu sehen. Oder ob sie nur mit den Achseln gezuckt haben und dann wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Oder ob sie mit dem Kopf geschüttelt und die Hirten belächelt haben. All das wissen wir nicht, nur dass sie sich gewundert haben. Dass sie einen Moment lang innegehalten haben. Dass sie sich für einen Moment lang haben unterbrechen lassen. Nur für einen Moment. Aber vielleicht hat dieser Moment schon genügt, um ihr ganzes Leben zu verändern.

Die Hirten, Maria und die übrigen Menschen, denen die Hirten begegnet sind – sie alle zeigen ganz unterschiedliche Reaktionen auf das Kind in der Krippe. Und diese ganz unterschiedlichen Reaktionen stehen in der Weihnachtsgeschichte einfach nebeneinander. Die Weihnachtsgeschichte gibt weder eine „richtige“ Reaktion vor noch bewertet sie die unterschiedlichen Reaktionen. Sie scheinen allesamt möglich und auf ihre Weise „richtig“ zu sein. Und wir sind eingeladen zu schauen, ob wir uns von diesen Reaktionen nicht etwas mitnehmen wollen.

Von den Hirten könnten wir uns mitnehmen, dass auch ein kurzer, flüchtiger Besuch an der Krippe nicht zu unterschätzen ist. Dass ich von Weihnachten auch dann etwas mitbekommen kann, wenn ich aus der Arbeit heraus oder voller Hektik an der Krippe ankomme und auch gleich wieder von dort los muss – weil die Pflicht ruft oder weil ich innerlich keine Ruhe finde, mich dort länger niederzulassen. Wir könnten uns von den Hirten auch mitnehmen, dass Weihnachten nicht das ganze Jahr über sein kann, sondern dass es nach jedem Weihnachtsfest wieder zurück in den Alltag geht – dann aber vielleicht wie bei den Hirten mit einem Loblied auf den Lippen. Oder mit ein wenig mehr Freude, Hoffnung, Friede und Liebe im Herzen.

Von Maria könnten wir uns mitnehmen, an Weihnachten weniger Augenmerk auf das Äußerliche und die Äußerlichkeiten zu legen als vielmehr nach innen zu schauen. Wie sieht es in mir selbst aus? Wo stehe ich gerade? Was bräuchte ich jetzt wirklich? Wir könnten von ihr lernen, dass es Zeit braucht, bis es Weihnachten wird – in mir und für mich. Dass das, was da geschehen ist, erst wachsen, erst reifen muss. Das nimmt den Druck und die Enttäuschung, wenn sich die Weihnachtsstimmung auch am ersten Feiertag noch nicht so recht eingestellt hat. Wir könnten uns von Maria auch ihre Offenheit mitnehmen. Sie hat sich von den Hirten die Botschaft des Engels noch einmal erzählen lassen. Sich hat sich von ihnen ihren Glauben bestärken, sie hat sich von ihnen ihren Glauben neu erschließen lassen – von den Hirten, denen keiner so etwas zugetraut hätte.

Und schließlich die, denen die Hirten sonst noch von der Botschaft des Engels berichteten. Von ihnen könnten wir das Wundern lernen – wieder oder überhaupt. Von ihnen könnten wir das Staunen lernen. Über das, was geschehen ist. Wir müssen es ja nicht gleich glauben. Sondern uns nur darüber wundern. Nur darüber staunen. Nur für einen Moment erstarren. Nur für einen Moment innehalten. Nur für einen Moment uns unterbrechen und aus unseren üblichen Weihnachtsabläufen herausnehmen lassen. Nur für einen Moment.

Die Geschenke sind ausgepackt, das Kind ist geboren. Und was machen wir nun damit? Halten wir es mit den Hirten oder mit Maria oder mit denen, die sich wundern? Oder mit allen? Was machen wir mit dem Kind in der Krippe? Was machen wir mit diesem „Geschenk“? Ich denke, sich diese Frage überhaupt zu stellen, das macht schon etwas. Das macht schon etwas aus. Das macht schon etwas mit mir selbst. Sich diese Frage überhaupt zu stellen, nimmt mich mit hinein in die Weihnachtsgeschichte. Bringt mich zur Krippe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

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