Predigt (Lk 6,36)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

um Barmherzigkeit soll sich also das neue Jahr drehen. Zumindest wenn es nach der diesjährigen Jahreslosung aus dem 6. Kapitel des Lukasevangeliums geht. Sie lautet: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Doch was ist eigentlich Barmherzigkeit? Wie geht sie? Und vor allem: Woher kommt sie?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, habe ich bei dem – neben Jesus – wohl berühmtesten Barmherzigen des Neuen Testaments nachgeschaut: bei dem „barmherzigen Samariter“. Sie alle kennen das Gleichnis Jesu von dem Mann, der unter die Räuber fällt und von diesen halbtot liegengelassen wird. Ein Priester und ein Tempeldiener kommen zwar an ihm vorbei, gehen aber auch an ihm vorbei. Erst ein Samariter, ein Fremder, erbarmt sich des Mannes, verbindet seine Wunden und bringt ihn in ein Gasthaus, wo er ihn auf eigene Kosten gesundpflegen lässt.

Ich habe mich gefragt: Wie kommt der Samariter eigentlich dazu, barmherzig zu sein? Und warum schaffen das der Priester und der Tempeldiener nicht? Zunächst könnte man meinen: Der Samariter hat den Verletzten gesehen und das genügt. Er hat den Verletzten gesehen und da konnte er nicht anders, als sich seiner zu erbarmen. Da konnte er nicht anders, als barmherzig zu sein und zu helfen. Doch anscheinend genügt das Sehen allein nicht. Denn auch der Priester und der Tempeldiener haben den Verletzten gesehen. Sowohl von dem Priester als auch von dem Tempeldiener wird ausdrücklich berichtet: „Als er ihn sah, ging er vorüber.“ Am Sehen allein kann es also nicht gelegen haben. Es muss bei dem Samariter noch etwas anderes hinzugekommen sein. Aber was?

Von dem Samariter heißt es: „Und als er ihn sah, jammerte er ihn.“ Er jammerte ihn. Das ist eine sehr seltene und sehr besondere Wendung in der Bibel. Im Lukasevangelium kommt sie nur noch an zwei weiteren Stellen vor. Als Jesus einer Witwe aus der Stadt Nain begegnet, die gerade ihren einzigen Sohn zu Grabe trägt, heißt es von ihm: „Und als Jesus sie sah, jammerte sie ihn.“ Und im Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ wird von dem Vater berichtet: „Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn.“ Er sah und es jammerte ihn. Was soll das bedeuten? Es bedeutet: Er sah und hatte Mitleid. Was Jesus dieser Mutter gegenüber empfindet und ihn spontan helfen lässt, ist Mitleid. Was der Vater im Gleichnis gegenüber seinem verloren geglaubten Sohn empfindet und ihn spontan ihm entgegenlaufen und in die Arme schließen lässt, ist Mitleid. So auch der Samariter: Er empfindet dem unter die Räuber Gefallenen gegenüber Mitleid – und das lässt ihn ihm gegenüber barmherzig sein. Das lässt ihn seine Wunden versorgen, ihn auf seinen Esel hieven, ihn zum nächsten Gasthaus bringen und für seine Pflege bezahlen.

Der barmherzige Samariter hatte Mitleid. Nun ist das mit dem Mitleid allerdings so eine Sache – zumindest heutzutage. Einerseits steht Mitleid im Verdacht, nichts zu bringen – nach dem Motto: „Ich brauche nicht euer Mitleid, sondern ich brauche jemanden, der mir hilft!“ Andererseits steht Mitleid im Verdacht, herrschende Ungerechtigkeiten durch Sentimentalität zu verschleiern. Und schließlich scheint Mitleid für den, der es hat, nicht gerade attraktiv zu sein. Mitleid – darin steckt: mit leiden. Und wer will das schon?

Wenn die Bibel von Mitleid spricht, schwingt allerdings etwas anderes mit. Denn das zugrunde liegende griechische Wort ist das Wort für „Eingeweide“. Mit anderen Worten: Wer Mitleid hat, dem geht etwas „an die Nieren“, der ist im tiefsten Inneren berührt. Wer Mitleid hat und in der Folge barmherzig handelt, der handelt aus seinem Innersten heraus, der handelt im wahrsten Sinne des Wortes „aus dem Bauch heraus“. Er handelt „aus dem Bauch heraus“ und weniger „vom Kopf her“. „Vom Kopf her“ handeln der Priester und der Tempeldiener. Sie sehen zwar den Verwundeten, mit ihm zugleich aber auch die Gefahr, in die sie die Barmherzigkeit an ihm bringen würde. Die Räuber könnten schließlich noch in der Nähe sein. Sie sehen zwar den Verwundeten, mit ihm zugleich aber auch die Zeitnot, in die sie durch die Barmherzigkeit an ihm geraten würden. Sie sind schließlich auf dem Weg in den Tempel, wo sie ihren Dienst zu verrichten haben. Was aber sieht der Samariter zugleich mit dem Verwundeten? Was sieht er, das sich ihm die Eingeweide zusammenkrampfen, das ihn Mitleid empfinden lässt, so dass er überhaupt nicht anders kann, als zu helfen? So dass er überhaupt nicht anders kann, als barmherzig zu sein – ohne lange darüber nachzudenken, ohne Risikoabwägung, ohne Rücksicht auf Verluste?

Ich denke, die Antwort lautet: Der Samariter sieht sich selbst. Er sieht in diesem unter die Räuber Gefallenen sich selbst. Er sieht sich selbst dort auf dieser einsamen und verlassenen Straße halbtot liegen. Und genau das lässt ihn mit dem Verwundeten Mitleid empfinden und in der Folge barmherzig an ihm handeln. Mitleid und Barmherzigkeit haben eben doch mit Sehen zu tun. Allerdings mit einem ganz besonderen Sehen: mit einem Wechsel der Sichtweise, mit einem Wechsel der Blickrichtung. Es geht darum, die Sichtweise des anderen einzunehmen, sich an seine Stelle zu versetzen, zu spüren, was es bedeutet: in diesem Moment, in dieser Situation der andere zu sein. Zu überlegen, wie man selbst unter ähnlichen Umständen reagieren, reden oder handeln würde. Zu überlegen, was man sich selbst in einer solchen Situation von einem anderen wünschen würde.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Ich verstehe die diesjährige Jahreslosung nicht als ein Gebot, nicht als eine Aufforderung, sondern eher als eine Einladung – als Einladung, die Blickrichtung zu wechseln. Als Einladung, die Position des anderen einzunehmen. Und dann zu schauen, was passiert. Ob sich dann nicht vielleicht Mitleid einstellt. Ob sich dann nicht irgendetwas im tiefsten Inneren regt, dass einen dazu bringt, barmherzig zu sein – wie auch immer das aussehen mag. Für den einen kann das bedeuten, sich Zeit zu nehmen, für die andere Geduld zu haben, für den dritten tatkräftig anzupacken, für die vierte Geld zu spenden und für den nächsten den ersten Schritt zu machen oder zu vergeben.

Ein solcher Wechsel der Blickrichtung gelingt vermutlich nicht von heute auf morgen. Ein solcher Wechsel der Blickrichtung braucht Zeit – Zeit und Übung. Aber wir haben ja Zeit – ein ganzes Jahr lang. 365 Tage, an denen wir diesen Wechsel der Blickrichtung täglich neu üben können.

Die Einladung der diesjährigen Jahreslosung gilt übrigens allen Menschen, also auch denjenigen, die überhaupt keine Schwierigkeiten damit haben, anderen gegenüber Mitleid zu empfinden. Die sich überhaupt nicht erst in einen anderen Menschen hineinversetzen, sich selbst in ihm sehen müssen, um ihm gegenüber barmherzig zu sein. Ganz im Gegenteil: Das würde ihnen ihr Mitleid vielleicht sogar erschweren, das würde ihre Barmherzigkeit vielleicht sogar unmöglich machen. Weil diese Menschen zwar anderen, aber nicht sich selbst gegenüber barmherzig sein können. So mild sie anderen gegenüber sind, so hart und unerbittlich sind sie oft gegen sich selbst. Doch auch ihnen gilt die Einladung der diesjährigen Jahreslosung. Auch sie sind eingeladen, barmherzig zu sein, und zwar sich selbst gegenüber. Auch sie sind eingeladen, die Blickrichtung zu wechseln und in sich selbst den anderen zu sehen, in sich selbst denjenigen zu entdecken, der Mitleid und Barmherzigkeit braucht und auch verdient hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

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