Predigt (Tit 2,11-14)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der für uns Mensch geworden ist, sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

nun ist er da – der Heilige Abend. Nun ist es da – das Kind in der Krippe. Oder wie es in einem Weihnachtslied heißt: „Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“ Man könnte aber auch sagen: Nun ist sie da – die heilsame Gnade Gottes für alle Menschen. So beschreibt der Apostel Paulus das, was mit diesem Kind in der Krippe in die Welt gekommen ist: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“

Heilsam. Das ist ein Wort, das ich in den vergangenen Wochen und Monaten nicht allzu oft gehört habe. Es war eher die Rede von „heillos“. Das Jahr 2021 ist nicht nur unglaublich schnell vorüber gegangen, es hat auch ein Gefühl von Heillosigkeit bei mir hinterlassen: Krisen, Kriege und Konflikte, Naturkatastrophen und Unglücksfälle, eine nicht enden wollende Pandemie und dazu vielleicht noch Ereignisse, die die Fundamente unseres ganz persönlichen Lebens ins Wanken gebracht haben.

Doch nun ist sie da – die heilsame Gnade Gottes für alle Menschen. Weihnachten erscheint in der Tat heilsam zu sein – eine kleine Insel des Heils inmitten aller Heillosigkeit des öffentlichen wie des privaten Lebens. Ein Moment der Besinnung inmitten aller Rastlosigkeit. Ein Gefühl von Heimat und Nach-Hause-Kommen inmitten alles Fremden und Befremdlichen. Ein Hauch von Glück und Glückseligkeit inmitten von Chaos und Verwirrung. Es herrscht eine andere Stimmung in diesen Tagen – selbst in diesem Jahr und in diesen Zeiten. Man bemüht sich zumindest um Frieden und um Freundlichkeit – im Kleinen wie im Großen.

Weihnachten erscheint in der Tat heilsam zu sein – zumindest für viele Menschen. Nicht für alle. Denn die Waffen schweigen auch in diesen Tagen nicht überall. Menschen sind nach wie vor auf der Flucht und wissen nicht, was der morgige Tag ihnen bringen wird. Menschen kämpfen um ihr Leben oder arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung, damit andere überleben. Und mancher Streit, mancher Konflikt in Ehe, Partnerschaft und Familie bricht gerade jetzt umso heftiger auf. Der berühmte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt, lässt sich häufig ausgerechnet an Weihnachten nicht mehr länger auffangen. Und dann die Einsamkeit. Für viele ist sie untrennbar mit Weihnachten verbunden. Weil keiner da ist, mit dem sie das Fest feiern könnten. Weil keiner da ist, mit dem sie die freie Zeit gemeinsam verbringen könnten. Für sie wäre es besser, Weihnachten wäre schon wieder vorbei und alles würde seinen gewohnten Gang gehen.

Doch der Apostel Paulus sagt: „Nun ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ Ohne Ausnahme. Paulus ist sich sicher: Weihnachten ist für alle Menschen heilsam. Nicht nur für die, die das Glück haben, in Frieden und Sicherheit zu wohnen. Nicht nur für die, die das Glück haben, ein Dach über dem Kopf oder sogar ein Zuhause zu haben. Nicht nur für die, die das Glück haben, in funktionierenden und tragfähigen Beziehungen zu leben. Sondern auch für die anderen. Ohne Ausnahme. Und der Apostel Paulus ist sich auch sicher: Weihnachten ist auch dann noch heilsam, wenn der Weihnachtsbaum abgeschmückt und die Krippe wieder im Keller verstaut ist. Wenn die letzten Plätzchen aufgegessen und alle Besucher wieder abgereist sind. Wenn der Alltag und die Arbeit schon längst wieder begonnen haben. Weil Weihnachten mehr ist: mehr als ein paar besinnliche Stunden im Kreise der Familie, mehr als ein paar arbeitsfreie Tage, mehr als gutes Essen und Geschenke.

Doch worin besteht dieses Mehr? Was macht Weihnachten tatsächlich heilsam – für alle Menschen und über die Feiertage hinaus? Zum einen: Weihnachten ist deshalb heilsam, weil hier, weil beim Blick in die Krippe deutlich wird: Ich muss nicht an mich selbst glauben. Es ist mit diesem Kind etwas anderes in die Welt gekommen, an das ich glauben kann. Dem ich vertrauen kann – im Leben und im Sterben. Etwas, das nicht von dieser Welt ist. Etwas, das nicht in dieser Welt aufgeht, sondern über sie hinausweist. Gott hat es nicht nötig, dass wir an ihn glauben. Er freut sich über unseren Glauben. Aber wir Menschen haben es nötig, dass wir nicht an uns selbst glauben. Dass wir nicht an uns selbst glauben müssen. Dass wir nicht allein uns selbst vertrauen müssen: unserer Stärke, unserem Verstand, unseren Fähigkeiten, unserer Macht, unserem Ansehen, unserem Geld und unserer Gesundheit. Weihnachten ist heilsam, weil es uns von uns selber heilt. Von unseren oft nur eingebildeten Kräften. Von unserem vermeintlichen Wissen und Können. Von der Illusion, wir könnten alles im Griff haben.

Weihnachten heilt uns von der Last, das Leben allein tragen zu müssen. Es heilt uns von der Last, die Anstrengungen und Herausforderungen des Lebens allein bewältigen zu müssen. Mit jeder Kerze, die wir anzünden, mit jedem Lied, das wir anstimmen, mit jedem Gebet, das wir für uns und andere sprechen, legen wir ein klein wenig von dieser Last des Lebens ab. Wir sind ein wenig wie die Hirten, die still vor dem Kind stehen und erkennen: So armselig wir uns manchmal auch fühlen mögen, so müde und erschöpft, so ratlos wir manchmal auch sein mögen, wir sind nicht allein damit. Gott ist nahe. Gott ist in der Nähe. Mein Leben gehört, Gott sei Dank, nicht mir allein – meine Lasten nicht, meine Sorgen nicht, auch meine Schmerzen nicht. Und in dem Moment, in dem ich das begreife, wird etwas spürbar von der heilsamen Gnade Gottes, die an Weihnachten erschienen ist. In dem Moment wird es Weihnachten für mich.

Zum anderen: Weihnachten ist deshalb heilsam, weil hier, weil beim Blick in die Krippe deutlich wird: Ich muss meinem Leben nicht selbst einen Sinn geben. Mein Leben hat schon längst einen Sinn. Denn es ist ein geliebtes Leben. Und die Liebe macht immer Sinn. Mein Leben ist ein geliebtes, es ist ein von Gott geliebtes Leben. Gottes Liebe, die in diesem Kind in der Krippe ein menschliches Antlitz bekommen hat, steht über meinem Leben. Sie stand schon am Beginn meines Lebens. Denn Gott hat mich ins Dasein gerufen. Er hat mich gewollt. Darum bin ich hier. Ich habe ein Woher – nämlich: von Gott. Und Gottes Liebe wird auch noch am Ende meines Lebens stehen. Sie wird mich aufnehmen, wird mich in die Arme schließen und sagen: „Komm heim!“. Ich habe auch ein Wohin – nämlich: zu Gott. Und zwischen diesem Woher und Wohin bin ich dazu berufen, in und mit meinem Leben diese Liebe Gottes auch für andere Menschen sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Sie an andere Menschen weiterzugeben. Auch das gibt meinem Leben Sinn. Auch darin liegt der Sinn meines Lebens, dass es als geliebtes Leben zugleich ein zur Liebe fähiges Leben ist.

Weihnachten heilt uns von der Angst, zu kurz zu kommen im Leben. Denn mit jedem Blick in die Krippe schauen wir der Liebe Gottes, mit der Gott hinter unserem Leben steht, direkt ins Gesicht. Und mit dieser Liebe im Rücken können wir leben, ohne die Sorge haben zu müssen, dass für uns nicht mehr genug übrig bleibt – dann nämlich, wenn wir für andere da sind. Dann, wenn wir anderen abgeben – ob es nun Zeit, Kraft, Liebe oder Verstehen ist. Ich denke, es kommt nicht von ungefähr, dass wir an Weihnachten offener sind für andere Menschen, dass wir offenere Herzen und Hände für sie haben. Dass wir ihnen gegenüber freundlicher, liebevoller, gütiger und großzügiger sind. Es kommt daher, dass einmal im Jahr – an Weihnachten – unser Vorratsspeicher an Güte, Liebesfähigkeit, Gerechtigkeitssinn und Freundlichkeit grundlegend aufgefüllt wird. Durch das Kind in der Krippe. Durch das Kind in der Krippe, in dem erschienen ist die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.

„Stille Nacht, heilige Nacht.“ So haben wir eben miteinander gesungen. Ich wünsche Ihnen, dass es nicht nur eine stille und eine heilige Nacht wird, sondern auch eine heilsame Nacht, ein heilsames Weihnachtsfest – für Sie selbst und für die Menschen, denen Sie begegnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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