Predigt (Jes 7,10-14)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ein Bergsteiger klettert eine steile, fast senkrechte Felswand hinauf. Mühsam arbeitet er sich vorwärts – Meter für Meter. Geduldig schlägt er einen Sicherungshaken nach dem anderen in den harten Felsen hinein. Doch dann eine kleine Unachtsamkeit. Der Mann verliert den Halt und stürzt in die Tiefe. Etliche Sicherungshaken werden durch die Wucht des Sturzes aus der Felswand herausgerissen. Bis schließlich einer hält. Benommen hängt der Bergsteiger zwischen Himmel und Erde. Doch er rappelt sich auf und beginnt erneut mit dem Aufstieg. Wieder arbeitet er sich mühsam vorwärts – Meter für Meter. Wieder schlägt er einen Sicherungshaken nach dem anderen in den Felsen hinein. Allmählich wird es dunkel. Schließlich bricht die Nacht herein. Nur die kleine Lampe an seinem Helm lässt den Mann den Weg erkennen. Und dann wieder eine Unachtsamkeit. Er verliert den Halt und stürzt erneut in die Tiefe. Wieder reißen etliche Sicherungshaken aus der Felswand heraus. Und wieder hält einer von ihnen. Doch nun hat der Bergsteiger keine Orientierung mehr. Um ihn herum ist tiefe Dunkelheit. Denn die Lampe an seinem Helm hat sich während des Sturzes gelöst. Der Mann hängt irgendwo zwischen Himmel und Erde. „Rette mich!“, sagt er plötzlich – zunächst leise, dann immer lauter. Schließlich schreit er die beiden Worte in den Nachthimmel hinaus: „Rette mich!“ Und dann hört er eine Stimme, die fragt: „Glaubst du, dass ich das kann?“ Und er antwortet: „Ja!“ Nach einer kurzen Pause sagt die Stimme: „Dann schneide das Seil durch!“ Doch der Mann klammert sich an das Seil und ruft: „Nein!“ Das war ein Fehler. Denn am nächsten Tag ist im Radio folgende Meldung zu hören: „In den frühen Morgenstunden wurde ein Bergsteiger tot in seinem Sicherungsseil hängend aufgefunden. Tod durch Erfrieren. Dabei hing er nur einen Meter über der Erde.“

„Schneide das Seil durch!“ Hätten Sie das Seil gekappt? Hätten Sie sich ganz auf diese Stimme verlassen? Hätten Sie ihr vertraut?

Im Alten Testament wird von einem König namens Ahas berichtet. Der hört auch eine Stimme: die Stimme Gottes – aus dem Mund des Propheten Jesaja. Und diese Stimme sagt zu ihm die gleichen Worte: „Schneide das Seil durch – das Seil, an das du dich so verzweifelt klammerst! Schneide es durch und vertraue mir!“ Das Seil, an das sich König Ahas so verzweifelt klammert, ist politischer Natur. Es ist eine gewagte Bündnispolitik mit der damaligen Großmacht Assyrien. Doch während der König die Verteidigungsanlagen der Stadt Jerusalem inspiziert, tritt ihm der Prophet Jesaja entgegen. Ahas soll auf alle weltlichen Bündnisse und auf alle menschlichen Rettungspläne verzichten und allein seinem Gott vertrauen. „Kapp‘ das Seil, schneide es durch!“ Doch Ahas zögert. Das Vertrauen fällt ihm schwer – das Vertrauen auf das Wort seines unsichtbaren Gottes. Und ich kann ihn gut verstehen. Manchmal genügen uns Menschen Worte allein nicht. Da müssen wir etwas auch mit den Händen greifen, um es begreifen zu können. Da müssen wir etwas auch anfassen, um es fassen zu können. Da müssen wir etwas auch sehen, um es glauben zu können. Manchmal brauchen wir ein Zeichen – eine Sache, ein Ereignis, irgendetwas, woran wir erkennen, woran wir lernen, woran wir im Gedächtnis behalten können, dass die Worte, die zu uns gesagt werden, auch wahr sind. Manchmal genügen uns Menschen Worte allein nicht.

Gott weiß das. Gott weiß, dass uns Menschen Worte allein manchmal nicht genügen. Er weiß, dass für uns Menschen das Wort auch „Fleisch“ werden muss – sichtbar, spürbar, greifbar, mit allen Sinnen erfahrbar. Und deshalb gibt Gott Ahas ein Zeichen. Etwas, das er mit seinen Augen sehen und mit seinen Händen greifen kann. Etwas, wodurch er sich erinnern und woran er erkennen kann. Etwas, das ihn der Hilfe und Nähe seines Gottes über das gesprochene Wort hinaus vergewissert. Und dieses Zeichen lautet: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Dieses Zeichen ist unspektakulärer, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist ganz aus dem Leben, aus dem Leben des Königs Ahas gegriffen. „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“ Wörtlich ist hier eigentlich nur von einer „jungen Frau“ die Rede. Der Prophet Jesaja kündigt dem König im Auftrag seines Gottes die erste Schwangerschaft einer der jungen Königsfrauen an. Und das Neugeborene wird den Namen „Immanuel“ tragen – das bedeutet: „Gott mit uns“. Wann immer also der König dieses Kind sehen wird, wird er an die Worte Jesajas und damit an den Gott erinnert, der versprochen hat, für ihn und für das ganze Volk da zu sein und einzutreten. Wann immer Ahas dieses Kind bei seinem Namen „Immanuel“ rufen wird, wird er sich zu diesem Gott bekennen und sich in seiner Hoffnung auf ihn immer wieder neu stärken und gründen. Dieses Kind wird somit für Ahas ein Lernort des Glaubens und des Vertrauens sein.

Unser Zeichen ist das Kind in der Krippe. In ihm hat sich Gott mit unserem Leben verbunden. Aber das Kind in der Krippe wird nicht nur „Immanuel“ genannt, sondern es ist der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Das Kind in der Krippe erinnert uns nicht nur an Gott, sondern in ihm ist er erschienen. Das Kind in der Krippe erinnert uns nicht nur an die rettende und heilvolle Nähe Gottes, sondern in ihm ist Gott da – sichtbar und spürbar. Wenn wir in diesen Tagen auf das Kind in der Krippe schauen, dann können wir etwas spüren von dem Licht und von der Wärme, die von ihm ausgehen. Wir können etwas spüren von dem „Immanuel“, dem „Gott mit uns“. Auf das Kind in der Krippe schauen – in diesen Tagen mag uns das leicht fallen. Wir haben etwas mehr Zeit, wir kommen ein wenig zur Ruhe und heraus aus unserem Alltagsstress. In diesen Tagen mag tatsächlich etwas davon zu spüren sein – von dem Licht, von der Wärme, von dem „Gott mit uns“. Aber nicht immer sehen wir das Kind in der Krippe so deutlich vor uns liegen wie an Weihnachten. Oft gibt es so viel anderes, das unseren Blick auf sich zieht, das unseren Blick von dem Kind in der Krippe abzieht: Zeit- und Termindruck, Ängste und Sorgen, Schmerzen, Mutlosigkeit und Erschöpfung. Oft ist es gar nicht so leicht, an all dem vorbei auf das Kind in der Krippe zu schauen, neben all diesen Dingen das Kind in der Krippe überhaupt zu sehen.

Ich denke, wir müssen das regelrecht lernen und üben. Wir müssen es regelrecht lernen und immer wieder üben, auf das Kind in der Krippe zu schauen. Unseren Blick von all dem zu lösen, was uns unter Druck setzt, was uns Angst und Sorgen bereitet, was uns schmerzt, mutlos macht und erschöpft. Zunächst gelingt das vielleicht nur für einen kurzen Moment. Aber dann können wir es noch einmal versuchen. Und immer wieder. Bis es uns irgendwann gelingt, den Blick etwas länger auf dem Kind in der Krippe ruhen zu lassen. Und dann zu spüren, wie wir ruhig werden. Zu spüren, wie das Licht, das von dem Kind ausstrahlt, auch uns selbst erfasst. Wie die Wärme, die von dem Kind ausgeht, uns selbst durchströmt. Zu spüren, dass wir nicht allein sind, sondern dass ER da ist, der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Und mit diesem Gefühl, mit diesem Gefühl, nicht allein zu sein in und mit dem Leben, können wir dann das Leben wiederneu  wagen. Können wir es wieder wagen, dem ins Auge zu schauen, was uns unter Druck setzt, was uns Angst und Sorgen bereitet, was schmerzt, mutlos macht und erschöpft. Das alles ist ja noch immer da – dann, wenn wir unseren Blick von dem Kind in der Krippe gelöst haben. Aber wir sind auch nicht mehr allein damit. Denn ER ist auch da, der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Und vielleicht gelingt es uns im Vertrauen auf ihn dann sogar das eine oder andere Seil durchzuschneiden, an das wir uns bislang wie jener Bergsteiger so verzweifelt geklammert haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Heiland und Herrn. Amen.

(Pfarrerin Tina Oehm-Ludwig)

 

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